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Netzleben

Wer ist Anonymous?

Seit den Attacken auf Paypal, Visa und Mastercard ist "Anonymous" in aller Munde. Eine geheimnissvolle Hacker-Organisation mutmaßen die einen, rachsüchtige "Cyber-Krieger" titeln die anderen. Für den WIENER hat Medienwissenschaftlerin Jana Herwig das Phänomen Anonymous unter die Lupe genommen.

Wir schreiben das Jahr 2010: Das Internet scheint fest in der Hand von Social Network-Betreibern und Suchmaschinen-Monopolisten, die Profit aus den Daten und Inhalten ihrer User schlagen. Lokalpolitiker, Grafikbüros und Haustierbesitzer werben im Web 2.0 um Aufmerksamkeit, es gilt die Devise “Gefällt dir meine Facebook-Seite, gefällt mir auch deine Facebook-Seite.” Irgendwann in den letzten Jahren hat das Internet seinen Biss verloren.

Das ganze Internet? Nein! An den Rändern, dort, wohin sich selten ein PR-Referent verirrt, leistet ein Rudel namenloser Nerds unerbittlich Widerstand gegen den Mainstream, stöbert Menschen auf, die Tiere quälen, erfindet Streiche wie ‘Rickrolling’ (schon mal hinter einem verhei-ßungsvollen Link nichts als Rick Astley, “Never gonna give you up” trällernd, gefunden?) und tauscht an Samstagen Katzenbilder aus, denn Saturday ist Caturday auf 4chan.org. Statt Venture Capital steht eine einzige Person hinter der Seite, die fest entschlossen scheint, sich dem freundlichen Diktat des Massengeschmacks nicht zu beugen.

Als der damals 15-jährige Christopher Poole vor sieben Jahren 4chan (sprich: for-tschan) gründete, wollte er eine englischsprachige Version japanischer Imageboards schaffen, eines Forentyps, bei dem jede Diskussion mit einem Bild beginnt. Anders als im Web üblich kann man auf 4chan keinen eigenen Benutzernamen registrieren: Die meisten User schreiben ihre Beiträge unter einem gemeinsam genutzten Kürzel: ‘Anonymous’. Ein Umstand, aus dem sich mittlerweile eine soziale Bewegung gleichen Namens entwickelt hat, deren Aktivitäten sich längst nicht mehr auf 4chan.org konzentrieren.

Auf diese Bewegung aufmerksam wird die vernetzte Welt erst, als Anonymous Scientology den Krieg erklärt. Anfang 2008 taucht Videomaterial des Schauspielers Tom Cruise im Internet auf, in dem dieser die quasireligiöse Vereinigung in frenetischen Tönen preist – auf Blogs und in Foren wird der Clip als entlarvende Lachnummer verspottet. Scientologys Versuche, das Material wegen Copyright-Verletzung von Seiten wie Youtube löschen zu lassen, provozieren noch mehr Aufmerksamkeit – und Anonymous ruft auf zum Gegenschlag, zu einer dezentral organisierten Kampagne gegen Scientology und gegen Internet-Zensur. In der Folge werden Google-Ergebnisse manipuliert – die Suche nach “dangerous cult” gibt nun Scientology als Top-Eintrag aus -, Fax-, Telefon- und Web-infrastruktur von Scientology-Organisationen werden durch Dauerbeschuss in die Knie gezwungen. Was an ausgefeilten Hacker-Techniken fehlt, macht die schiere Menge der Mit-Protestierenden wett. “Ihr könnt euch nicht verstecken. Wir sind überall”, verkündet eine Computer-Stimme im parallel veröffentlichten Bekenner-Video, “wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns.”

Die Aktionen bleiben nicht auf die Sphäre des Digitalen beschränkt: Auch vor den Toren von Scientology-Centern in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien protestieren Anonymous-Anhänger. Den Schutz, den online der Name ‘Anonymous’ bietet, liefern hier identische Masken mit dem Konterfei des englischen Verschwörers Guy Fawkes, die spätestens seit der Comic-Verfilmung “V for Vendetta” (2006, Regie: James McTeigue) zum Standardprogramm von Halloween-Ausstattern gehören. Es ist nicht zuletzt diese populäre Symbolik, die Anonymous trotz der Kriminalität einzelner Aktionen zu einer Art geliebtem Anarchounderdog im Web gemacht hat.

Ebenso raffiniert ist die Wahl der Gegner: Beispiel zwei, Habbo World. Alle Jahre wieder erstürmen 4chan-User die virtuelle Hotel-Welt, in der sonst Teenager ihr Taschengeld gegen digitale Möbel und Tapisserie eintauschen. Ist eine solche “Razzia” in Gange, kann keiner mehr baden im Habbo Hotel, weil Scharen von Spielfiguren mit geklonter Afro-Frisur die Eingänge zum Pool blockieren – eine neue Art von Online-Aktionismus, die sich allzu leicht als pfiffige Konsumkritik deuten lässt. Das Lachen bleibt dem Betrachter jedoch im Hals stecken, sobald offenbar wird, dass die 4chan-Invasoren ihre Afro-Klone in Hakenkreuz-Formation aufzustellen versuchen. Als Community mit Hang zum verstörenden Charme des Pubertären lässt 4chan sich jedenfalls nicht vereinnahmen – weder von den Kritikern noch von den Wohlwollenden.

Gründer Poole, auch ‘moot’ genannt, hat mittlerweile ein Alter erreicht, in dem er seine eigne Website auch selbst nutzen darf. 2009 wurde er Sieger der Time 100 Online-Abstimmung über die einflussreichste Person des Jahres (dass bei dieser Kür alles mit rechten Dingen zuging, darf bezweifelt werden – die Anfangsbuchstaben der 20 Nächst-platzierten ergaben die Wortfolge “MARBLECAKE ALSO THE GAME”). 4chans Werbeeinnahmen decken gerade die Betriebskosten – dafür referiert moot auf internatio-nalen Podien wie dem Paraflows Symposium und den renommierten TED-Talks über 4chan und die Rolle von Anonymität im Web und in der Gesellschaft.

Wo alle ‘Anonymous’ heißen und niemand einen Benutzernamen für sich beanspruchen kann, schleift sich auch keine Hackordnung ein – jeder veröffentlichte Beitrag auf 4chan muss für sich selbst bestehen, egal ob von einem alten Hasen oder Frischling verfasst. Im Gegensatz zu Google und Facebook, den Parade-Datenkraken im Web, die über Jahre die Interaktionen ihrer User aufzeichnen, werden 4chan-Beiträge nicht archiviert, sondern – je nach Betriebsamkeit auf der Seite – oft schon nach Minuten wieder gelöscht. Was die User nicht selbst für gut, witzig und somit bewahrenswert halten, kann sich im Ökosystem 4chan nicht durchsetzen – mit dieser darwinistischen Analogie erklärt moot auf 4chan das häufige Entstehen von sogenannten Internet-Memen wie dem erwähnten ‘Rickrolling’: Witze in Text-, Bild- oder Tonform, die im Web von User zu User weitergereicht werden.

Man muss sich im übrigen nicht schämen, noch nie von 4chan gehört zu haben: In den meisten Fällen gilt ‘What happens on 4chan, stays on 4chan’. Das Usernetzwerk rund um die Plattform mag sich als Keimzelle eines anarchischen Aktivismus erwiesen haben – die Mehrheit der dort geführten Diskussionen nimmt früher oder später eine pornographische, diskriminierende oder anderweitig anstößige Richtung. Nur wenige Meme finden ihren Weg hinaus aus 4chan, denn die meisten sind ‘NSFW’, not safe for work, wie es im Internet-Slang heißt. Falls Sie jetzt also neugierig geworden sind: Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.

Weiterlesen? Mehr zum Thema findet sich hier auf Jana Herwigs Blog.

4chan
  • Gattung: Bilderforum
  • Vorbild: japanische imageboards wie Futaba Channel http://www.2chan.net
  • Gegründet: 1. Oktober 2003
  • Gründer: High School Student Christopher Poole (a.k.a. "moot")
  • Ruf: Online-Biotop für überbordenden Humor und abgrundtiefe Geschmacklosigkeiten. Brutstätte für Internet-Meme (Scherze in Text, Bild und/oder Wort, die von User zu User weitergegeben werden).
  • Popularität: 9.5 Millionen eindeutige Besucher/Monat (Stand: April 2010)
  • Finanzierung: über Werbung, v.a. für Erotikseiten und Online-Shops für Japan-Paraphernalia
  • Besonderheiten: einer der Hauptknoten der Kommunikation von 'Anonymous', einer Ad-hoc-Aktivistengruppe im Web. Anonymous denunziert Scientologen, Tierquäler und Politiker, die Internetzensur fordern und attackiert deren Websites.
  • Motti: "Anonymous: Because none of us is as cruel as all of us." Alternativ: "If it exists, there is porn of it. No exceptions." http://www.4chan.org
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Thursday, 23.05.2013, 12:22 Uhr

Autorenprofil Jana Herwig

Jana Herwig
Die Wahl-Wienerin wuchs im sogenannten nordhessischen Zonenrandgebiet auf, verdingte sich bereits zu 1.0-Zeiten im Web (Dating-Communities!) und kam 2004 als Arbeitsmigrantin zunächst nach Vorarlberg. Heute bastelt sie an einer medienwissenschaftlichen Dissertation und bleibt der Liebe wegen lieber in Österreich (Foto: Karola Riegler).

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