Der Toto-Gewinner
Mit 22 war der Wiener Toto Wolff zu arm, um sich eine Karriere in unterklassigen Rennserien zu leisten. Mit 38 ist er Miteigentümer eines der wichtigsten Formel-1-Teams aller Zeiten. Und ein richtig großer Player im Motorsport. Über einen Mann, der immer zu rechten Zeit am richtigen Ort ist.
Sein Haar ist zerwuschelt, wie immer. Die Jeans sind vom Designer, zerrissen. Der Schreibtisch fast leer: eine Comic- Figur, zwei Post-its, die geordnet an der Platte kleben, ein Notizblock, unliniert, zwei Kugelschreiber, ein Miniaturhelm von Ayrton Senna. Und eine Zeitungsseite, aus dem Wirtschaftsblatt herausgerissen. An der Wand ein Bild, das den Titel „Menschen“ trägt. Und gegenüber ein anderes: Es zeigt Dollarscheine, viele. Gebündelt. Dann noch ein kleines, ästhetisches Regal mit drei dünnen Büchern und zwei Modellautos. Wenn ein Büro die Seele und den Charakter des Menschen widerspiegelt, der darin arbeitet, dann haben wir es mit wem zu tun, der aufgeräumt ist. Und der noch genügend Platz hat für Träume und, ja, das ist vielleicht das erstaunlichste an seinem Ist-Zustand.
Mit 38 ist Torger Christian Wolff, den alle Toto nennen, an einem Punkt angekommen, der so weit oben ist, dass man den Verdacht äußern könnte, es sei schon der Höhepunkt. Die prozentuelle Bemessung bereits erfüllter Kindheitssträume, sie würde einen Wert geben nahe an der 100er-Grenze. Obwohl er 1994 die Vision von einer eigenen Rennfahrerkarriere begraben hat, weil Karl Wendlinger im Koma lag und der gemeinsame Sponsor, eine Stahlfirma, nicht mehr wollte und nicht mehr konnte. Und weil er sah, dass er zwar einer der besten seiner Generation war, aber nicht der Beste. Und nur der würde es schaffen können. Es wurde Alexander Wurz.
16 Jahre später ist er nun doch in der Formel 1 angekommen, im schnellsten, teuersten, glamourösesten Sport der Welt. Er ist Mitbesitzer des Williams-Teams, des dritterfolgreichsten Rennstalls aller Zeiten. In Autos dieser Marke sind Piloten wie Nigel Mansell, Nelson Piquet, Keke Rosberg, Jacques Villeneuve oder Alain Prost Weltmeister geworden, in einem Williams ist Ayrton Senna gestorben. „Anfang der 90er Jahre hatte ich einen Ferienjob in England, ich habe Büroartikel verkauft. Da bin ich immer mit dem Zug durch die Midlands gefahren, habe die Fabriken von Williams oder McLaren gesehen. Nie hätte ich auch nur davon geträumt, hier mal einfach reingehen zu können. Oder anders gesagt: es hat geschmerzt, nicht in diesem Umfeld zu sein.“
Grove, England. Ein WIENER-Lokalaugenschein in der Fabrik von Williams. Sogar die Tujen sind so geschnitten, dass sie aussehen wie Rennautos. Unten im Keller lagern die Prunkstücke aus drei Jahrzehnten Formel 1. Und ein Bild der Teamgründer Frank Williams und Patrick Head aus dem Jahr 1976 vor ihrem ersten Renntransporter. Head trägt Schuhe mit einem großen Loch, er sieht aus wie ein armer Mann. Doch die Formel 1 wird ihn und seinen Geschäftspartner zu Millionären machen. Weil sie so hart arbeiten wie niemand sonst. Und da sie den richtigen Riecher haben – und ab 1978 die ersten sind, die Sponsoren aus Saudi Arabien dazu bringen, in die Formel 1 zu investieren. Übrigens entfernte Verwandte von Osama Bin Laden, aber das werden sie erst Jahrzehnte später erfahren.
Innerhalb kurzer Zeit wird Williams zu einer Kultmarke: 1979 der erste Sieg mit Clay Regazzoni, 1980 der erste WM-Titel durch den Australier Alan Jones. Immer wieder gibt es Konzerne, die Williams erwerben wollen: Honda, BMW. Doch erst im November 2009 entschieden sich die beiden, erstmals Anteile ihres Lebenswerks abzugeben. Und sie wählten dazu – Toto Wolff. „Weil er ein echter Racer ist“, wie Frank Williams – der seit einem Autounfall 1986 im Rollstuhl sitzt – sagt. Nachsatz: „Und ein cleverer Geschäftsmann, scharfsichtig. Einer, der schmallipig und bescheiden redet, aber einer, der unsere Zukunft sichern kann.“ Der Mann, der für die Zukunft steht, er hat eine Vergangenheit, die keine Einbahnstraße ins ewige Glück war. Sein Vater stirbt, als Toto noch ein Kind ist. „Nicht jeder hat das Glück, als Waise aufzuwachsen“, zitiert Wolff einen französischen Philosophen mit bitterem Unterton: „Natürlich prägt dich so ein Erlebnis. Zum einen wirst du verbissener, zum anderen ist dir die Endlichkeit des Lebens bewusster. Ich bin jetzt 38 und mein Vater war nur drei Jahre älter, als er starb. Ich denke, er hat nicht gewusst, wie wenig Zeit er hat, seine Träume zu erfüllen.“
Vielleicht ein Grund, warum der junge Wolff durchs Leben rast. Erst auf der Rennstrecke, dann in der Finanzwelt. Zwar stolpert er als Student der Handelswissenschaften eher zufällig in die Szene hinein. Er kommt zu einem Job als Trainee bei Raiffeisen in Warschau, als Sohn einer Polin hat er Startvorteile. Dann wechselt er in ein Stahlverarbeitungsunternehmen und als ein wichtiger Kunde vor dem Ruin steht, rettet er es selbst und beginnt die Mechanismen des Finanzmarktes zu verstehen. Im Sommer 1998 liest er im „Format“ die Story über einen Andreas Tobler, der als Jungunternehmer des Monats gewürdigt wird, weil er ein Spiel namens Industriegigant erfunden und eine Spielfirma namens JoWooD gegründet hat. Er fährt nach Rottenmann und schlägt Tobler einen Deal vor: „Ich habe nur wenig Geld, will aber Aktien von dir. Als Gegenleistung kann ich dir erstklassige Privat Equity Investoren bringen. Und dann gehen wir an die Börse.“ Tobler denkt, er habe es mit einem Verrückten zu tun. Wolff: „Aber er schlug ein.“ Toto hält Wort, bringt Investoren, schmeißt zum Börsengang eine rauschende Party (Börseexpress-Chefredakteur Christian Drastil: „Eine der wildesten aller Zeiten.“). Die neu gegründete Firma Marchfifteen wird zum Überflieger an der Börse, weitere geniale Investments mit Internet-Produkten wie sms.at und Technologiebeteiligungen wie sysis, Brainforce oder Solve direct bringen atemberaubende Gewinne.
Und so kann sich Wolff bald mal eine Auszeit nehmen und zum Spaß wieder Rennen fahren – im Team mit Branchengrößen wie Karl Wendlinger, Dieter Quester oder Philipp Peter. Er steigt auch in die Rallyefirma des vielfachen Staatsmeisters Raimund Baumschlager ein, nimmt selber im Cockpit Platz – und rast bei der WM-Rallye in Deutschland 2006 sogar zu einer Sonderprüfungsbestzeit. Vor dem späteren WM-Sieger, den Finnen Jari-Matti Latvala…
Wolff wird Hans-Werner Aufrecht vorgestellt, dem Chef des erfolgreichsten Teams in der Geschichte der deutschen Tourenwagen-Meisterschaft DTM. Der wird sein väterlicher Mentor, baut ihm zu seinem Nachfolger auf. Wolff wird neben Hans-Werner Aufrecht stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des boomenden Unternehmens, das eng mit Mercedes zusammenarbeitet. Und für das unter anderen Ex-Formel-1-Doppelweltmeister Mika Hakkinen fährt, der bald Wolffs Geschäftspartner in einer gemeinsamen Talente-Managementfirma wird. Und 2009 steigt Toto auch noch bei Williams ein, in den elitären Zirkel der Formel 1. Antrittsbesuch beim Grand- Prix-Zirkusdirektor Bernie Ecclestone (heuer 80) inklusive. Der englische Euro-Milliardär zeigt sich gleich von seiner sarkastischen Seite: „Hast du keine andere Idee, dein Geld zu verbrennen?“
Und wieder stimmt Christian Drastils Erkenntnis: „Zur richtigen Zeit am richtigen Platz mit dem richtigen Auftreten.“ Das bemerkt auch die vermutlich schnellste Frau der Welt: Susie Stoddart, attraktive und sauschnelle DTM-Pilotin aus Schottland, checkt Anfang 2009 im privaten Wolff-Team ein, 2011 wird geheiratet. Some guys have all the luck. Freilich muss sich Toto in Zeiten wie diesen selbst Klarheit über andere Gefühle verschaffen.
Bis jetzt war das Geschäftsmotto: rein-raus und mit schnellen Geld aussteigen. Jetzt, bei seinen Rennsport- Investments, ist aber plötzlich so was wie Emotion im Spiel. „Ich frage mich: Will ich das?“ In den nächsten zwei Jahren will er sich klar werden, was kommen soll: Langfristig Williams wieder zum Weltmeisterteam machen? Mentor Aufrechts Traum erfüllen und alle Kraft in HWA stecken, in eine boomende Tourenwagenmeisterschaft? Neue Aufgaben in der Formel 1 finden? Die Rallye- Weltmeisterschaft, seine eigentliche Liebe, besser vermarkten? Egal,was kommt, in Wolffs Revier wird weiter gejagt, die Millionen haben ihn nicht müde gemacht: „Ich sage immer: Abgerechnet wird mit 80. Was nützt mir meine Zwischenbestzeit, wenn die Leute eines Tages sagen: Der Wolff, der war mit 38 ganz gut. Aber wo ist er eigentlich jetzt?“
Toto Wolff wird am 12. Jänner 1972 in Wien geboren, wächst in Hernals auf. Die Mutter ist Ärztin, der Vater stirbt früh. Mit 18 fährt er mit Freunden zu einem Autorennen mit Philipp Peter nach Hockenheim: „Das war so cool, ich wollte sofort einer der Piloten werden.“ Wolff startet eine hoffnungsvolle Karriere, fährt Formel Ford. 1994 hört er auf, da sein Sponsor w.o. gibt. 1998 gründet er das Venture Capital Unternehmen Marchfifteen, das er um viele Millionen (kolportiert werden 30) an die Deutsche Telekom weiterverkauft. Immer wieder macht er Technologiebeteiligungen. Im Motorsport ist er Teilhaber am Rallye-Team BRR , sitzt er im Aufsichtsrat von HWA (unter anderem das Top-Team der DTM) und hält Anteile am Williams- Formel-1-Rennstall. Er ist mit der schottischen Rennfahrerin Susie Stoddart verlobt. www.totowolff.com

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