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Bühne

Ein Punk erobert die Hochkultur

Der Schauspieler Ben Becker liebt das Extrem. Egal ob im Privatleben oder auf der Bühne: er verkörpert eine gleichsam unkonventionelle, wie unterhaltsame Existenz zwischen ekstatischen Höhenflügen und katastrophalen Totalabstürzen. Mit dem WIENER sprach der kompromisslose Draufgänger über die dumme Arroganz einer Ö3–Moderatorin, seine Heirat in Österreich sowie eine fast tödliche Heroinüberdosis. (Text: Andreas Schiller)

Er bretterte mit Rockerlegende Lemmy Kilmister in einem schrottigen Amischlitten durch Berlin. Punkikone Blixa Bargeld ist ein gern gesehener Gast in seinem privaten Domizil. Und auch Songwritergröße Nick Cave kennt er nicht nur vom beiläufigen Händeschütteln. Ob dieses einschlägigen Freundeskreises könnte Ben Becker problemlos als Frontman einer arrivierten Rock`n`Roll-Combo durchgehen. Mit Betonung auf könnte. Denn obwohl der tätowierte Barde bei Aufführungen immer wieder zum Gesangs-Mikro greift und seine aufrührerischen Punk-Attitüden im Zuge schneidiger Öffentlichkeitsauftritte auf humorvolle Art und Weise zu inszenieren versteht (er verkündete in einer Radioshow glaubhaft den Tod Franz Beckenbauers), ist er vorrangig als Berufsmime ein Begriff.

Seit nunmehr 15 Jahren zählt Ben Becker zu der erlauchten Gruppe der renommiertesten Theater- und Filmschauspieler Deutschlands. Kinostreifen wie „Schlafes Bruder“ oder „Comedian Harmonists“ machten ihn zum gefeierten Star. Spätestens mit dem Engagement bei den Salzburger Festspielen ist das Berliner Enfant Terrible nun auch in der Hochkultur angekommen. Als sicher gilt, dass der Stiefsohn Otto Sanders die Festspiele – oder wie er zu sagen pflegt: „Disney World“ – nächstjährig erneut im Kostüm des Sensenmanns beehren wird. „Ich habe meinen Handschlag darauf gegeben.“, so der Schauspieler.

Die Absicht, zum dritten Mal das Abenteuer Jedermann einzugehen, bedurfte laut eigenen Angaben keinen langwierigen Entscheidungsprozess: zum einen fand er in Nicolas Ofczarek einen kongenialen Partner, zum anderen konnte er dem Rummel abseits der Bühnenbretter viel Unterhaltsames abgewinnen. Auch wenn ihn das substanzlose Promigelärme nicht selten bis ans Limit seiner nervlichen Belastungskapazität pushte, gefiel sich der Berliner mit einem Faible für traditionelle Trachten im hysterischen Treiben der Reichen und Schönen. „Ich mag den Trubel. Und ich kann versichern: so mancher steife Aristokrat wird nach dem Abmarsch der Medien erfrischend direkt. Auch wenn es dann mal furchtbar anstrengend wird, bin ich letztlich doch Entertainer und genieße die Selbstdarstellung. Egal ob ich auf der Bühne stehe oder in einem Cafe sitze. Ich sehe mich als Gesamtkunstwerk und lasse mich spontan auf Situationen ein. Die Trennung zwischen Kunst und Leben ist in meinem Fall nicht klar zu ziehen. Dass ist sicher eine Eigenart von mir.“, erläutert Ben Becker mit gewohnt rauchiger Stimme. Und gerade diese Eigenarten sind es, die den mehrfach ausgezeichneten Darsteller in der oftmals medioker erscheinenden deutschsprachigen Schauspiellandschaft unverwechselbar machen.

Eine dieser markanten Singularitäten ergibt sich da zum Beispiel aus seinem unverschleierten Hang zur Ambivalenz. So kommuniziert er einerseits seine Abneigung gegen den geschmacklosen Größenwahn, den eine Massenveranstaltung wie die Salzburger Festspiele mit sich bringt, kontradiktorisch dazu genießt er genau diesen trivialen Pomp in vollen Zügen. Demgleich forciert er mit seinem künstlerischen Tun den Widerstand in Richtung traditionalistischer Tendenzen. Andererseits präsentiert der Großstädter mit Stolz eine Krachlederne. In diesem Sinn firmiert Ben Becker sein Dasein als „Tanz am Trapez“, den er als „Spieler“ intensiv und jenseits von abgeschmackten Schubladen impulsiv zu praktizieren versucht. Dass dieser geradlinige Way of Life nicht immer auf Verständnis stößt versteht sich von selbst. Speziell von Seiten der Medien wurde sein unkonventionelles Auftreten begierig notiert und sorgte bei der Boulevard-lastigen Journaille für Auflagen fördernde Headlines. „Ich habe des Öfteren eine auf die Kappe bekommen. Da wird man einfach vorsichtiger.“, erklärt Ben Becker bezüglich seiner zwiespältigen Erfahrungen mit den Medien.

Unliebsame Bekanntschaft mit seiner kritischen Einstellung gegenüber Journalisten durfte kurz vor der Premiere des Jedermann Ö3-Moderatorin Barbara Stöckl machen. In ihrer sonntäglichen Radioshow „Frühstück bei mir“ titulierte ein hörbar aufgebrachter Ben Becker ihre Fragen wiederholt als „dumm“ und verweigerte mehrmals eine Antwort. Dazu der Schauspieler: „Frau Stuckl. Pardon. Frau Stöckl kam mir einfach blöd. Eine durch und durch überhebliche Person. Sie hat gedacht, sie kann mich verbal von hinten ficken. Mit mir geht das aber nicht. Ich denke, der Medienskandal war letztlich nicht so groß. Es gab von meiner Seite eine gewisse Direktheit. Wahrscheinlich hat sich die Moderatorin darüber sogar gefreut, denn Skandale fördern die Einschaltquoten. Insgesamt hätte ich bei einer so spießigen und konservativen Dame wie Frau Stöckl einfach gleichmütiger reagieren sollen. Ich habe das ganze Theater eigentlich gar nicht nötig. Aber aus Fehlern kann man ja bekanntlich lernen.“

Gelernt hat der für seine exzessive Lebensweise bekannte Akteur auch aus einer beinahe tödlichen Partynacht. Vor ca. zwei Jahren setzte sich der Vater einer damals gerade fünfjährigen Tochter im Anschluss an eine feucht-fröhliche Lokaltour eine Heroinüberdosis. „An dem Abend hielt ich mich für unschlagbar. Ein fataler Irrglaube. Ich war Erstkonsument und das Zeug hat mich einfach umgehauen. Am Tag nachdem ich in letzter Sekunde ins Leben zurückgeholt wurde, machte ich mir vorrangig um meine Lieben Sorgen. Ich war voller Scham gegenüber meiner Tochter und meiner Lebensgefährtin. Klar, man kann auch mal auf die Zwölf hauen. Aber man muss auch wissen, wann Schluss ist. Meine Neigung zu Extremen federt meine Familie diese Tage sehr, sehr gut ab.“ Hinsichtlich seiner familiären Situation lässt Ben Becker im WIENER-Interview dann doch noch ungewöhnlich tief blicken: „Ich werde heiraten. Und zwar in Österreich. Der Termin für die Hochzeit ist am 1. Mai kommenden Jahres festgelegt. Es wird das volle Programm geben: Blasmusik, eine Kutschenfahrt und natürlich Böllerschützen. Die Örtlichkeit bleibt noch geheim.“ Getreu seiner unkonventionellen Wesensart gestaltete sich der Heiratsantrag nicht ganz nach den üblichen Usancen. „Ich hab meiner Freundin, die mich schon lange ehelichen wollte per Telefon einen Antrag gemacht. Anders wäre das zur Zeit meines Engagements in Salzburg nicht möglich gewesen“ (lacht).

Neben seiner extrovertierten Schauspielernatur schlummert in Ben Becker jedoch auch noch ein anderer, von Nachdenklichkeit, Empathie und philosophischen Fragen angereicherter Wesensteil. Dieser, mit dem lauten „Big Ben“ nur teilweiser korrelierender, Charakterzug war es auch, aus dem die Idee zu einer musikalisch gestalteten Bibellesung entsprang. Unterstützt von einem vielköpfigen Orchester versuchte der Bibelfan jenseits platter Dogmen die heilige Schrift als hochpoetisches Werk mit Hilfe seiner sonoren Erzählstimme in Szene zu setzen. Der Erfolg gab ihm Recht. Höhepunkt war eine Aufführung vor über 25.000 Menschen im Rahmen des deutschen Katholiken Tages. Angst, mit der krisengebeutelten Institution Kirche in Verbindung gebracht zu werden, hatte der frühere Marxist keine: „Ich habe es tunlichst vermieden, mich vor den Karren der Kirche spannen zu lassen. Die Bibel spricht für sich. Es bedarf keiner Amtskirche, um die bewegenden Sätze des heiligen Buches zu verstehen. Letztlich wollte ich das Publikum unterhalten.“

Und das ist es auch, was Ben Becker am besten kann. Egal in welchem Kontext, wie und wann. Er beherrscht die hohe Kunst der Unterhaltung. Oder wie er es lapidar formuliert: „Ich bin Entertainer.“

Tipp: Ben Becker veröffentlicht im November sein zweites Kinderbuch "Brunos Weihnachten".
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Friday, 18.05.2012, 01:44 Uhr

Autorenprofil Andreas Schiller

Andreas Schiller
Andreas Schiller lebt und arbeitet als freier Journalist in Wien. Im Jahre 2007 schloss der Hak-Absolvent das Studium der Philosophie an der Universität Wien mit ausgezeichnetem Erfolg ab. Bis dato zahlreiche Veröffentlichungen bzw. redaktionelle Tätigkeiten bei diversen Medien: Wiener, Profil, ORF, Mucha Verlag. Der primäre schreiberische Focus seiner Publikationen liegt am Feld kultureller Thematiken.

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