Das Netz oben ohne
Keine Provider, keine Mindestbindung, kein gar nichts: Immer mehr Menschen vernetzen sich privat und befreien das Internet von seinen Zwängen. Weil sie gegen den Kommerz im Netz sind, werden sie einfach selbst zum Netz.
Verwegen balanciert Markus Gschwendt auf dem wackeligen Mast und zieht die letzten Schrauben fest. Gerade hat er mit Kollegen vom Verein Funkfeuer eine neue Antenne montiert. Vereinsobmann Aaron Kaplan, 33, studierter Mathematiker und Informatiker, sieht ihm dabei zu. An die zehn Leute tummeln sich auf dem Dach. Alle wollten dabei sein, wenn die Presse kommt. Freifunker halten zusammen. Das Interesse an dem, was sie tun, ist weltweit gestiegen. Immer mehr Communities vernetzen sich über Wireless Local Area Networks, kurz W-LAN, und zimmern sich ihr eigenes Kommunikationsnetz. Knoten für Knoten, Antenne für Antenne wird das Netz erweitert. Am Ende lassen sich Bilder, Videos und Daten hin und her schicken. Dazu werden Uplinks ins normale Internet geteilt. Völlig gratis, fernab der Kontrolle großer Konzerne. In Berlin gibt es schon mehr als 1000 Knoten, in Athen 5000. Guifi.net im Raum Barcelona ist mit 10.000 Knoten Spitzenreiter. In Wien betreibt Funkfeuer 500 Geräte auf 240 Dächern, Ableger in Graz, Teilen des Waldviertels und Bad Ischl sind im Wachsen. Klingt phänomenal. Und der Haken an der Sache?
Bis in die Achtzigerjahre wurden lokale Netzwerke ausschließlich vom Militär genutzt. Noch heute kommunizieren die US-Truppen nach demselben Prinzip. Wenn einer der Netzteilnehmer ausfällt, berechnet Mesh-Routing-Software einen neuen Weg zur Verteilung der Daten über die anderen Knoten. Dazu werden diese nicht über fixe Frequenzen, sondern eine ganze Reihe von Funkkanälen übertragen – parallel oder abwechselnd. Die Daten „hüpfen“ von Kanal zu Kanal. Das macht solche Netze ausfallssicher und leistungsfähig.
1985 gaben die USA drei Frequenzbereiche zur zivilen Datenübertragung mit dieser Technik frei; das W-LAN war geboren. Aber erst 15 Jahre später, mit Intel und Apple im Rücken, gelang auch der wirtschaftliche Durchbruch. Die Übertragungsrate, ursprünglich mit 60 KBit pro Sekunde nicht gerade berauschend, stieg auf 11, dann 54 Mbit/sec. Mit neuester Technik lassen sich heute Datenraten von bis zu 600 Mbit/sec erzielen. Dagegen nimmt sich ein UMTS-Stick neuester Generation, mit maximal 14,4 Mbit/s, wie eine lahme Schnecke aus.
Auf dem Dach in der Grillparzerstraße 11 steht die Mutterantenne von Funkfeuer. Ein Glasfaserkabel vom benachbarten Vienna Internet Exchange, dem Zentrum des Internets in Österreich, versorgt die Rechner im Keller für geringe Kosten mit Bandbreite im Giga-Bit-Bereich. Über die Antenne werden die Mitglieder damit versorgt. „Im Juli haben wir den Life-Ball vernetzt“, erzählt Kaplan. „Wir haben eine Verbindung vom Rathaus zum Burgtheater hergestellt – zur Übertragung von Überwachungsvideos in HD-Qualität. Die Telekom hätte das so schnell nicht hinbekommen.“ Auch die Maturaschule Roland bekommt Funkleistung. Vor kurzem hat sich ein Mitarbeiter des ORF eine Verbindung zum Küniglberg eingerichtet. Neu am Dach ist eine Sat-Schüssel zum Empfang von TV-Signalen. Auch diese könnte man, theoretisch, über W-LAN mit anderen teilen.
Während das Netz in Barcelona mit 200 Knoten pro Monat rasant wächst, geht es in Wien, wo 2003 begonnen wurde, deutlich langsamer. „Die Nerds haben wir jetzt wohl alle am Netz“, sagt Kaplan. „Natürlich kaufen sich andere eher einen UMTS-Stick, als dass sie mit Werkzeug aufs Dach steigen.“ Das wissen auch die Mobilfunkbetreiber, die das Ganze gelassen sehen. Funkfeuer wird sogar von Providern wie Silver Server oder next layer unterstützt. „Wir sind zu klein“, sagt Kaplan. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Barcelona. Der lokale Anbieter Telefonica – für die Katalanen nicht zufälligerweise ein Vertreter des Madrider Zentralismus – ist über Guifi.net gar nicht erfreut. Ein juristisches Vorgehen? Eher ausgeschlossen. Solange jeder Nutzer identifiziert werden kann, die Vereine gemeinnützig arbeiten und kein Geld verlangen – in Barcelona läuft der Uplink ins Internet über öffentliche Bibliotheken –, kann niemand etwas dagegen tun, dass Privatpersonen ungenutzte Bandbreite miteinander teilen.
In Wien bekommt jedes Vereinsmitglied eine fixe IP-Adresse. Bei freier Luftlinie schaffen die Antennen eine Übertragungsweite von bis zu 30 Kilometern. Bis Hainburg und Baden reicht das „Flüsternetz“ – wie Kaplan es nennt. Die Mikrowellen im Gigahertzbereich senden mit einer Leistung von maximal 100 Milliwatt, das ist ein Dreißigstel des Wertes, den Handystrahlung hat. In ländlichen Regionen und Entwicklungsländern, wo Konzerne keine Kabel verlegen wollen, sind Funknetze eine echte Hoffnung. Für Ghana und Simbabwe gibt es entsprechende Pläne, ein Vorarlberger will Funkfeuer in Sierra Leone aufbauen.
Und jetzt zum Haken. Die hiesigen Mobilfunkbetreiber haben im November 2000 insgesamt 11,4 Milliarden Schilling bezahlt, damit sie auf ihren Frequenzen ungestört sind. Diese Garantie gibt es beim Freifunk nicht. Weil die Frequenzen für alle da sind, kann es zu Störungen kommen. In der Praxis ist vom mühsamen E-Mail schicken bis zur superschnellen Datenrate alles möglich. Zwei Mbit pro Sekunde schafft das Netz aber fast immer. „Das reicht leicht für mich“, sagt Philipp Hamid, 28, beim Funkfeuer-Montagabend im Insidertreff Metalab. „Ich bin kein Freak, aber sicher Technik-interessiert. Dass es nichts kostet, ist für mich schon ein Hauptgrund hier zu sein. Ich will mich nicht länger versklaven lassen. Ein neuer Provider-Vertrag mit 36-Monatsbindung? Nein, danke.“ Matthias Humpeler, 25, hat die Hardware schon aufgebaut und holt sich die letzten Infos. „Der GL hat den A-Anschluss auf der rechten Seite“, wird er aufgeklärt. Für Laien ist das Latein. Aber, sagt Kaplan, das hätten schon andere geschafft. Im Verein sei alles vertreten – vom Bauarbeiter bis zum Herzchirurgen. Für W-LAN-Router, Antenne, Kabel und Zimmergerät müsse man mit Kosten von 100-200 Euro rechnen. Und danach? Keine mehr. Aber im Verein wird eine gewisse Anteilnahme erwartet. „Vom letzten Grillfest sind noch 10 Kilo Fleisch übrig“, erzählt ein lachendes Gesicht. Für Kaplan fühlt sich Freifunken einfach gut an: „Es ist so, als würde man gemeinsam eine Straße bauen. Du bestimmst, was passiert. Das ist total konträr zur üblichen Konsumgesellschaft, was mich seit Jahren begeistert.“
- Datenübertragung per W-LAN // Gesendet wird in den freien Frequenzbereichen 2,4-2,48 und 5,15-5,72 Gigahertz. Teilnehmer sind Sender und Empfänger, ein Router berechnet schnellsten Weg zwischen Antennen.
- Nötige Hard- und Software // Auf dem Dach: Stromanschluss, Router und Antenne. Auf dem PC: Installieren der Netzwerk-Software (OLSRD-Protokoll). Ein W-LAN-Chip steckt in jedem neuen Computer.
- Link: www.funkfeuer.at


FunkFeuer gibt es auch in Wels. Weitere Informationen zu FunkFeuer Wels findet Ihr hier: http://wels.funkfeuer.at Ob FunkFeuer auch in Deiner Region verfügbar ist bitte unter http://www.funkfeuer.at nachsehen.