Die Nackten und die Schwangeren. “Titania”-Zeichnerin Klaudia Wanner im Interview
Das K in ihrem Vornamen verdankt sie der spontanen Laune ihres Vaters. Und auch sonst war das Leben der Klaudia Wanner von vielen Umwegen und Zufällen geprägt. Aber das Zeichnen, die Comics, waren immer dabei im Leben der kosmopolitischen Tirolerin. Im Interview erläutert sie, wieso Comics und Humor meist Männersache und starke Frauen ihr Anliegen sind.
Wie bist du zum Zeichnen gekommen?
Gezeichnet habe ich eigentlich immer schon. Als Kind war das mein Hobby. Da habe ich tagebuchartige Comics gemacht. Also, tatsächlich in Bildergeschichtenform.

Hattest du da Vorbilder und Einflüsse?
Ich bin in Genf aufgewachsen und dort gehören Comics zum Standardrepertoire eines jeden Haushalts. Egal, wo man hinkommt, überall liegen Comics herum. Als ich im Alter von zwölf wieder nach Österreich zurückgekommen bin, war es für mich ein Schock, dass das hier nicht so ist, sondern Comics hier auf Kinder reduziert sind. Dass aber Comics auch ein Teil der Erwachsenenkultur sind – ein Teil der Kultur! – hat mir total gefehlt.
Du hast eine Vielzahl von Ausbildungen und Berufen hinter dir. Wann hast du professionell zu zeichnen begonnen?
Nach der Matura habe ich einen Lehrgang in klassischer Grafik besucht – Gebrauchsgrafik, Werbegrafik. Das war meine erste Ausbildung. In Innsbruck gab es dann aber keine weiteren Fortbildungsmöglichkeiten und ich konnte aus privaten Gründen nicht weg. Also habe ich begonnen in dem Bereich zu jobben. Das war aber eher abschreckend, weil du als Anfängerin erst einmal vier Jahre an der Reprokamera stehst. Das gefiel mir nicht, ich wollte etwas lernen und mehr Erfahrungen sammeln, als jahrelang in einem Kammerl zu stehen.
Darum hab ich dann eine Schauspielausbildung gemacht. Das war auch etwas Künstlerisches, und etwas, das ich auch in Innsbruck machen konnte. Ich wollte mich ausleben, mich selbst erfahren. Später habe ich dann begonnen, Psychologie zu studieren. Denn das Verhalten und das Erleben von Menschen zählen zu meinen Spezialinteressen.
Wie bist du dann doch zum Zeichnen als Beruf zurückgekehrt?
Gezeichnet habe ich immer nebenbei. Auch Cartoons und Comics. Und die wurden auch immer wieder publiziert. Meine erste Veröffentlichung hatte ich mit 14 in einer Innsbrucker Literaturzeitung. Später dann habe ich für diverse Studentenzeitschriften gezeichnet. Irgendwann hat sich dann herausgestellt, dass es das ist, was ich am liebsten mache – und was sich auch am häufigsten ergeben hat. Ich war
eigentlich immer eher passiv, aber es sind eben oft Leute mit verschiedenen Angeboten auf mich zugekommen. Und wenn es im Bereich Comic war, habe ich sofort ja gesagt.
Bekannter wurdest du dann durch deine Zusammenarbeit mit der Zeichnergruppe „Mixer“ und durch den „Titania“-Strip für die ORF-Comic-Website…
Ja, mit „Mixer“ ging es los. Das war eine Gruppe von jungen Zeichnern und Zeichnerinnen in Wien, die regelmäßig gemeinsam in Eigenregie Comics publiziert hat. Wir haben auch viele Comic-Ausstellungen und Happenings gemacht. Dann eben „Titania“ für ORF.at, die von Anfang an über die ganze Laufzeit mit dabei war. Gleichzeitig habe ich für Medienwerkstatt.cc ein paar animierte Kinowerbespots gemacht.
Später kam „Jackies Welt“ für „Die Welt der Frau“, eine sehr katholische, ländliche Abo-Zeitung. In der Serie ging‘s um eine Mutter mit drei Kindern … Da habe ich mich oft schon etwas schwer getan, im Rahmen zu bleiben – und es gab auch einen empörten Leserbrief.
Und die Seite für „Maxima“ ist jetzt eher neu?
Die läuft seit 2008, zehnmal pro Jahr. Dieser Onepager ist „Titania“ jetzt inhaltlich wieder näher.
Auffällig bei deinen Protagonistinnen, vor allem bei Titania, ist dieses absolute Selbstbewusstsein, diese 100-prozentige „Coolheit“. Ist das deine Absicht, ist das deine eigene Persönlichkeit? Denn es ist einfach ungewohnt, weil Frauen – sowohl von Männern als auch von Frauen – sonst oft eher etwas unsicher, etwas neurotisch dargestellt werden. Sogar in emanzipatorischen Comics …
Ja, das ist Absicht. Ich habe eine Sehnsucht nach autarken Frauen. Weil ich finde, dass die in den Medien fehlen. Auch im Film, aber besonders im Theater. Ich war ja früher Schauspielerin und es hat mich total erschüttert, was für Rollen man da als Frau bekommt: sehr oft die klassische Opferrolle eben … Was ich auf der Bühne habe heulen müssen! Da habe ich mir gedacht, das kann‘s doch wohl nicht sein! Und weil sich meine Sehnsucht auch einmal ein Revolverweib zu spielen, das sich nichts gefallen lässt, am Theater nicht verwirklichen ließ, habe ich eben angefangen, das in den Comics zu realisieren.
Wenn Comiczeichnerinnen keine Liebescomics oder Manga zeichnen, haben sie meist eher emanzipatorischen Ansatz, sind oft lesbisch oder „männlich“ in Gehabe und Arbeiten. Ist Comic etwas Männliches? Besonders in der Humordomäne?
Ich würde sagen, das Zeichnen von Comics hat etwas Autistisches – und es ist aggressiv. Und das sind Dinge, die eher Männern erlaubt sind. Ich weiß noch, dass ich als Kind immer sehr einzelgängerisch war – und mir das unglaublich zum Vorwurf gemacht wurde. Komm, du bist ein Mädchen, es ist Besuch da, komm, zeig dich … Und ich wollt mich lieber verkriechen. Aber bei meinem Bruder, der sich auch mit seinem Modellbau verkrochen hat, war das kein Problem. Frauen werden sehr stark sozialisiert – in Richtung sozial, etwas mit Menschen tun. Und da muss man sich schon sehr dagegen wehren, wenn man etwas Einzelgängerisches tun will. Und Comiczeichnen ist ja wirklich ein sehr einsamer Beruf. Außerdem sind Comics etwas Aggressives. Humor ist immer aggressiv, weil man immer irgendwen in die Pfanne haut. Man macht sich damit nicht nur Freunde. Und da sind Frauen vielleicht gehemmt oder sie tun es nicht so gerne … jemanden angreifen, sich lustig machen. Weil sie sich eher einfühlen und niemanden verletzen wollen.
Bist du durch deine Tiroler Herkunft beeinflusst?
In gewisser Weise ja. Wir Tiroler sind oft sehr laut, sehr direkt. Das hilft mir vielleicht dabei, auch bei den Comics sehr direkt, pointiert, auch aggressiv zu sein. Diese Harschheit, diese Herbheit … Es kann schon sein, dass die mir hilft, mich Dinge zu trauen, auch gerade im künstlerischen Bereich.
DIE FAKTEN
Klaudia Wanner
geboren 1967 in Tirol, aufgewachsen in Genf, lebt und arbeitet nach aufenthalten
in Innsbruck und München wieder in Wien, freischaffend in den bereichen Comics, Illustration, Animation und gelegentlich auch Malerei. Graphikausbildung und Schauspielausbildung in Innsbruck, Medienpsychologiestudium in Wien. Malerei-Crash-Kurs am Atelierprojekt München, Veröffentlichungen in Magazinen, Onlinemedien, Zeitungen und Werbung. Animierte Kinowerbespots im In- und Ausland. Mitglied der Comic-Gruppe Mixer. Link: www.kookgraphics.com
Das Interview wurde ursprünglich im Satiremagazin Rappelkopf veröffentlicht und erscheint hier – erstmals ungekürzt – mit ausdrücklicher Genehmigung aller Beteiligten.
“Titania” gibt es ab sofort auf wienerpost zu lesen – jeden Dienstag neu!









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