Der Überflieger
Orlando ist dort, wo der Himmel anfängt: immer oben, meist in Hawaii, das Meer unter sich. Und das Geld verdient er im Flug. Er ist der berühmteste Klippenspringer aller Zeiten, oder zumindest seit Elvis im Film Acapulco. Wer würde vermuten, dass der Höhenflug in einem Safaripark nördlich von Wien begann?
Die Uniform des freien Menschen ist eine Badehose. Mehr braucht Orlando Duque (35) auch nicht, wenn er in die Arbeit geht. Abgesehen von extra dicken Cojones, wie man ergänzen möchte. Denn das fliegende Waschbrett aus Kolumbien hat einen Job, der eine gewaltig lange Mut-Gasse zwischen Herz und Hirn voraussetzt. Orlando, den seine Verehrer naheliegenderweise als Duke verehren, ist Klippenspringer, der beste der Welt und aller überlieferten Zeiten. Er verdient sein Geld im Flug. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Manchmal beginnt dieser Flug auf einer Plattform in 34 Metern Höhe. Von dort gibt es nur zwei Optionen. Variante 1: umdrehen. Variante 2: springen, in 3 Sekunden von null auf 100 km/hbeschleunigen und in einen Becken springen, das von oben die gefühlte Größe eines Stecknadelkopfs hat. Triffst du es nicht, bist du tot. Triffst du, tut es weh. „Selbst das Wasser fühlt sich so hart an wie Beton.“
Die harten Zeiten. Orlando Duque, er wurde nicht als Weltstar geboren. Sein Weg war ein weiter, das GPS seines Lebens spuckte eine höchst ungewöhnliche Route aus: Cali/Kolumbien – Gänserndorf – Kitzbühel – Hawaii. Und das im erst dritten Anlauf, denn die ersten beiden Traumkarrieren-Phantasiefilme endeten jeweils abrupt – durch Filmriss. Der erste selbst inszeniert. Denn die Vision als Nachfolger des legendären Wuschel-Monsters Carlos Valderama Kolumbiens nächster Fußballstar zu werden, scheitert am Platz, auf dem er als Knirps spielt. Oder genauer gesagt: an dem Schwimmbad neben dem Platz. Denn das dortige 3-Meter-Brett ist als Droge für Orlando ungleich reizvoller als Gras.
Der Olympia-Alptraum. Was als Mutprobe beginnt, wird für acht Jahre zum neuen Lebenstraum. Jeden Tag schuftet Duque dafür, 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona teilzunehmen. Und: Er schaffte die Qualifikation. Doch der Jubelsprung endet auf Granit: Der kolumbiansche Turmspringer-Verband kann sich die Reise nicht leisten, Orlando darf nicht nach Barcelona.
Der Käfig eines Flugmenschen. Deprimiert erklärt Duque seinen Rücktritt und schreitet zur Selbstkasteiung. Er beginnt ein Informatik-Universitätsstudium und tauscht den Arbeitsplatz an der frischen Luft gegen einen harten Sitz auf der Hörsaalbank in seiner Heimatstadt Cali, einer Vier-Millionen-Einwohner-Metropole im Herzen Kolumbiens. Bis von einem Tag auf den anderen das Leben ein neues Drehbuch schickte. Beginnend mit einem Kulturschock.
Die Reise nach Gänserndorf. Daheim in Cali bekommt Orlando von einem Agenten das Angebot, im Sommer in Europa zu arbeiten – als Stuntman im Safaripark Gänserndorf! „Ich hatte von Österreich noch nicht viel gehört, ok, außer dass es dort immer kalt sein soll.“ Er wohnt in einem kleinen Containerdorf in der Nähe des Geländes, wird zum Flug-Beamten. Erste Show: 11.30 Uhr. Zweite Show: 14 Uhr. Dritte Show: 17 Uhr. Dreimal pro Tag ein Star sein auf kleiner Bühne, freundlich von Familien mit Applaus verabschiedet. Der Schwierigkeitsgrad, das Risiko – von unten kaum abschätzbar: „Ich durfte von einem 25 Meter hohen Kran in ein Becken springen, das wie ein mit Wasser gefüllter Aschenbecher aussah.“ Drei Saisonen, von 1997 bis 1999 fliegt er für wenig Geld: „Aber es war in Schilling immer noch viel mehr als ich in Kolumbien in Pesos für irgendwas bekommen hätte.“ Die Beziehung zu Österreich wird intensiver, einmal erlebt er auch einen Winter in den Alpen: Er schenkt Getränke in einer Après Ski Bar in Kitzbühel aus. Obwohl er zu dem Zeitpunkt weder Deutsch noch Englisch spricht.
Der Neustart. Doch die regelmäßigen Flug-Shows in Österreich haben wieder Lust auf mehr gemacht. Oder genauer gesagt: auf Meer. Orlando beschließt, sich nach einem Jahrzehnt des unfreiwilligen Chlor-Schluckens, der High-und-Cliff-Diving-Szene anzuschließen. 1999 beginnt er, ab 2000 ist er schon eine Legende. Statt in enge Becken geht es nun meist ins offene Meer, von Klippenin rund 28 Metern Höhe. Bei der WM in Kaunolu wird er zum Toni Innauer der Wasserspringer: für seinen letzten Sprung bekommt er von allen sieben Preisrichtern die Höchstnote 10,0! Und so steht der Junge aus Kolumbien, der eben noch in einem Container in Gänserndorf fror, im Buch der Weltrekorde.
Das verflogene Jahrzehnt. Juni 2010, Hangar-7, ein Besuch bei seinem österreichischen Sponsor, der ihm seit Jahren Flügel verleiht. Das Programm ist dicht, alle reißen sich um Orlando. Längst ist aus dem Mauerblümchen, das Seite an Seite mit Artisten, Tierbändigern und Clowns arbeite, ein Mythos geworden. Sein verwegenes Äußeres, die langen Haare, der Waschbrettbauch, diese Kraft-Packung in seinen Muskeln. Und dieses Kontrastprogramm in seinem Lächeln. Er hat WM-Titel gewonnen, Rekorde gebrochen, Maßstäbe gesetzt. Etwa am Wolfgangsee, wo er aus 27 Metern Höhe einen dreifachen Rückwärtssalto mit zwei Schrauben hinknallte. Als Bemessungsgrundlage: Wir reden hier von der Höhe eines zehnstöckigen Wohnhauses. „Wobei dann wirklich jeder Meter alles ändert. Ob du von 27 Meter springst oder von 34, das ist wie eine andere Sportart. Und nur ein Feh- ler …“, sagt der Duke und vermeidet es, den Satz fertig zu landen.
Die World Series. Red Bull hat die 2009 die World Series erfunden. Jetzt tourt er zwischen den Paradiesen der Mut-Tiere herum. „Wir alle leben unsere Leidenschaft aus. In der kurzen Zeit, in der wir in der Luft sind, genießen wir jede einzelne Sequenz, spüren sie. Und dann schlagen wir hart am Wasser auf, nach der letzten Sequenz, die aus Furcht und Ehrfucht besteht. Es ist unsagbar aufregend, immer wieder.“
Das Gesicht einer Sportart. Dietrich Mateschitz hat zum WIENER immer wieder gepredigt, wie ein Sportler, der von Red Bull Flügel verliehen bekommt, beschaffen sein muss: „Er sollte nicht von der Sportart geprägt werden, er soll selbst diese Sportart prägen.“ Und das gilt für Orlando Duque, man kann ihn in einer Reihe mit dem Freestyler Travis Pastrana oder Surf-Ikone Robby Naish nennen. „Orlando hat den Cliffdivern ein Gesicht gegeben“, sagt Niki Stajkovic, Österreichs größte Sprung-Legende und als Juror bei allen Cliff Diving Events dabei.
Der Rat an die Beckenrandspringer. Kann man so etwas kopieren? Oder, was müssen wir machen, um bei den Mutproben im Schwimmbad ähnlich cool rüberzukommen? Orlandos Rat: „Du solltest immer exakt wissen, wieviel du kannst. Es ist schaut einfach blöd aus, wenn du es übertreibst und dann wie ein Stein in den Pool plumpst. Die Mädchen sind da dann nicht so beeindruckt. Also mach nur, was dir Fun macht.“ Und ihm selbst macht das ganze Leben Spaß. Er hat es weit gebracht, bis hin zum Haus in Hawaii, in dem er mit seiner schönen Frau lebt. Und manchmal bekommt er dort Besuch von seinen alten Freunden aus dem Containerdorf in Gänserndorf. Und dann springen sie einfach mal ins Meer rein. Nur Elvis Presleys legendäres Klippenspringer-Epos Acapulco ziehen sie sich nie rein. Denn das wahre Leben ist besser als jeder Film.
DIE FAKTEN
Orlando Duque: Geboren am 11. September 1974 in Cali. 1992 für Olympia qualifiziert, aber aus finanziellen Gründen nicht angetreten. 1997 – 1999 Stuntman im Safaripark Gänserndorf, seit 1999 Cliff Diver. Weltmeister 2000, 2001, 2002, 2006. Spielffilmdebüt in der autobiographischen Doku „9 Dives“ 2006, Regisseur Mario Kreuzer. Red Bull Cliff Diving World Series Termine 2010: 24. Juli Kragerö, 8. August Polignano a Mare, 28. August: Sisikon, 12. September: Hilo. www.redbullcliffdiving.com
Erschienen im WIENER 348 / August 2010










Userkommentare