Der Hirt, der sich traut
Seine potentielle Herde ist riesig, seine Herren sind unerbittlich: Pfarrer Christian Blankenstein wurde aus seiner Kirche verstoßen. Das hat natürlich rein gar nichts damit zu tun, dass er schwule Paare traut. Und selbst schwul ist. (Text: Andreas Kornhofer / Mitarbeit: Harald Havas)

LIEBE MIT BRIEF UND SIEGEL. Dr. Christian Blankenstein spendet einem schwulen Paar das Sakrament der Ehe.
Der verstoßene Hirt hat seine Schäfchen fester denn je im Blick. Er sorgt sich um ihre Seelen, er spricht ihnen in heiligen Hinterhof-Messen, in SPÖ-Sektionslokalen, in Schankwein-dampfenden Wirtshäusern und seit einem Jahr in seiner eigenen kleinen Kapelle in der Wiener Weihburggasse 14 Mut und Trost zu.
Er tut selbstredend auch ohne Unterlass das, wofür er in den letzten Jahrzehnten ein gerüttelt Maß an spiritueller Berühmtheit erlangt hat: Dr. Christian Blankenstein gilt als so was wie der Star-Bestatter unter den österreichischen Priestern. Die große Paula Wessely zum Beispiel hat er einst in ihren letzten Stunden mitfühlend begleitet und würdevoll begraben.
Und er traut aus vollster Überzeugung gleichgeschlechtliche Paare. In prächtigem Ornat, mit allem heiligen Schischi und natürlich coram publico. Manche seiner Kollegen führen solche Segnungen zwar auch durch, aber eher so wochentags bei Nacht und Nebel und versperrter Kirchentür… Derzeit kommt bei Blankenstein auf zehn heterosexuelle Paare ein homosexuelles. Und die Herde der potentiellen Hochzeitspaare ist riesig. 400.000 Schwule und Lesben leben laut Expertenschätzung in Österreich – das ist mehr als die Einwohnerschaft von Klagenfurt und Linz zusammen.
Nur das Sakrament der Taufe, das spendet Blankenstein nicht mehr, seit ihm von seinen Kirchenoberen zu verstehen gegeben wurde, dass diese nicht mehr ins Taufregister eingetragen werden. „Ein Affront, denn die Taufe kann an sich jeder Christ, ob Pfarrer oder nicht, spenden“, schüttelt der Hirt den Kopf. Christian Blankenstein ist altkatholischer Priester, Österreichs einziger Doktor der altkatholischen Theologie, Verstoßener. Und er ist selbst homosexuell.
Der Altkatholizismus – das ist eine ziemlich liberale Religion. So liberal, dass sich sogar ein Sozi-Gottvater wie Hannes Androsch dort daheim fühlt. So liberal, dass bei den Altkatholen im Wesentlichen „alle Punkte, die das Kirchenvolksbegehren vor ein paar Jahren postuliert hat, bei uns schon längst verwirklicht sind“, so Blankenstein. Verheiratete Männer sind als Priester zugelassen, ebenso Frauen und homosexuelle Menschen. Nicht so liberal, dass einer wie Christian Blankenstein dort geduldet würde. Allerdings auch so dogmatisch, dass eine Aberkennung des Priesteramts im altkatholischen Glauben nicht vorgesehen ist. „Wenn einer morgen Zuhälter würde, wäre er immer noch Pfarrer“, sagt Blankenstein, der seit ein paar Jahren streng genommen als „Pfarrer ohne Portefeuille“ agiert.
Warum? Das Zerwürfnis mit seiner Kirche begann mit seinem Outing anno 2004. Alfons Haider bekam und bekommt für seinen geschlechtlichen Offenbarungseid kostenfreie Anzeigenflächen in den heimischen Klatschspalten, Christian Blankenstein, lange Zeit mit Ämtern und Würden überhäufter Hero innerhalb der Altkatholischen Glaubensgemeinschaft, bekam und bekommt sakrale Prügel vor die Beine. Es ging los mit leisen Intrigen aus dem Hinterhalt und endete mit lauten Unappetitlichkeiten: Pikante Fotos aus einem an sich fest abgeschlossenen Bereich einer Online-Partnerbörse wurden Blankensteins Chefs zugespielt, ein etwas missverständlicher Bericht im „Standard“ wirkte wie zusätzliches Öl ins Feuer. Am Ende stand die Scheidung zwischen Blankenstein und seiner Kirche.
Jetzt ist er also nicht mehr dabei und doch noch dabei, der „Pfarrer ohne Portefeuille“. Er macht derzeit eine Ausbildung zum diplomierten Lebens- und Sozialberater bei Dr. Rotraut Perner, Schwerpunkt Sexualität. Und er traut, man möchte fast sagen, auf Teufel komm raus. Für das schwule Hochzeitsservice wirbt er unter anderem auch in Österreichs „SchwulLesBischem Branchenguide“ Queerbook. Oder auf Facebook.
Die kleine Kapelle in der Wiener Weihburggasse 14 ist mittlerweile ein sehr anheimelnder Ort für frei denkende Gläubige geworden und beherbergt in den geräumigen Katakomben ein kulturelles Zentrum, in dem immer wieder Musik aufgeführt und Lesungen abgehalten werden.
Freilich: Eine Kirchenspaltung oder den Aufbau einer Parallelkirche hat Blankenstein nicht im Sinn. Er hat auch bewusst keine eigene Gemeinde gegründet. Dennoch sucht er derzeit einen neuen, freien Kirchenraum für seine Trauungen und Sonntagsgottesdienste. Das hat, so Christian Blankenstein, einen sehr profanen Grund: „Für die Österreicher ist eine Kirche erst eine Kirche, wenn sie ausschaut wie eine Kirche.“
Und für einen Pfarrer, selbst wenn er schwule Paare traut, gilt das sowieso.
DIE FAKTEN: Dr. Christian Blankenstein, Wiener, 43, lebt in Wienen. 2002 schloss er in der Schweiz sein Studium der Altkatholischen Theologie mit dem Doktorat ab. Blankenstein ist als Pfarrer in der freien Seelsorge tätig und Autor zahlreicher Bücher zur Aufarbeitung der altkatholischen Geschichte sowie mit dem Schwerpunkt historische Biographien. Seit 2008 von seiner Kirche getrennt, ist er von der Liste der Geistlichen gestrichen, sieht sich aber weiter als Altkatholik. Im Herbst 2009 gründete er den Verein Koinonia mit dem Ziel der „freien“, also konfessions-übergreifenden Seelsorge. Kleine Kapelle, Weihburggasse 14, 1010 Wien. www.blankenstein.at








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