Wiener Brut
Ist die Hochkonjunktur für lokale Künstler ein kleines Pop-Wunder - oder handelt es sich um eine schillernde Seifenblase? WIENER-Kolumnist Walter Gröbchen weiß die Antwort.
„Ashes To Ashes“, Staub zu Staub? Gibt es überhaupt eine Wiener Popmusik, um nicht gleich allumfassend von Pop-Kultur zu schwadronieren, oder nur Pop in und aus Wien? Kann die Donaumetropole dem Berliner Flair, der Hamburger Schule, der Finanzkraft Zürichs etwas entgegensetzen, ganz zu schweigen von Paris, London, New York, Tokyo, Shanghai? Existieren Verbindungslinien zwischen dem althergebrachten Austro-Pop der siebziger und achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts und der unzweifelhaft vorhandenen, berückend vielfältigen und höchst vitalen Szene anno 2010? Finden Ambros, Danzer, Heller, Falco, Zawinul und Novaks Kapelle nachgeborene Fackelträger, Geistesverwandte, Nachahmungstäter? Wenn ja: warum hört man davon so wenig auf Radio Wien? Darf Pop in diesem Kontext auch nach Punk, Fäkalien, Elektronik, Wienerlied, Balkan, Burgenland, HipHop, Avantgarde, Kitsch, Burenhäutl oder grünem Veltliner schmecken? May it contain lyrics in English? Fragen über Fragen.
Die Antwort gab ich mir und dem p.t. Publikum unlängst selbst. Indem ich öffentlich und ganz ungeniert eine CD hochhielt, die meine persönliche Replik auf obigen Fragenkatalog beinhaltet. Achtzehn Songs, die thematisch um Österreichs Wasserkopf kreisen, von Clara Luzia bis Gustav, von Ernst Molden und Willi Resetarits bis zum Nino aus Wien. Sie finden Sie unter dem Titel „Wien Musik 2010“ im guten Fachhandel und online, etwa bei Amazon. Oder können mit etwas Glück eines von zehn Exemplaren gewinnen, die der WIENER verlost (siehe Hausmitteilung). Bevor mir jetzt aber die Verlagsleitung ein Kündigungsschreiben wegen Schleichwerbung überreicht, erlaube ich mir auf einen objektiven Tatbestand hinzuweisen: heimische Klänge, lokaler Zungenschlag und regionale Talente stehen hoch im Kurs wie seit Jahren nicht. Eher noch: seit Jahrzehnten.
Das bewies auch das „Pop Fest“ am Wiener Karlsplatz. Es gab und gibt Spötter, die dafür den Gratis-Eintritt und eine geschickte „Brot & Spiele“-Wahlkampfstrategie verantwortlich machen. Sei’s drum: den Bürgermeister oder die Kulturpolitiker/innen möchte ich mir anschau’n, die die Zeichen der Zeit so verkennen, dass sie die – seit langem, nachdrücklich und vielfach geäußerte – Forderung nach Förderung nicht nur der repräsentativen Hochkultur, sondern auch der lokalen und regionalen Populärkultur sowohl faktisch wie auch perspektivisch missachten.
Bleibt die Frage: Gibt es überhaupt eine einigermaßen homogene Szene, die man unter einem noch zu findenden Begriff – Post-Austro- Pop? Viennatunes? A-Klasse? – schubladisieren könnte? Ich fürchte: nein. Schubladen klemmen sowieso immerzu. Die neue Generation von Singer/Songwritern, Elektrobastlern und Rock’n’Roll-Heroen ist weit vielgestaltiger, unübersichtlicher und disparater, als es die Punk- und Neue Deutsche Welle- Importeure der frühen 1980er oder die Kruder & Dorfmeister-Apologeten der 1990er je waren. Das hat schon seine Richtigkeit so. Und gewisse Folgen in punkto Popularität – denn um die Vermarktung der wuchernden Kreativität kümmern sich heute keine finanzstarken Major-Plattenfirmen mehr. Ihre Rolle haben unzählige Klein- und Kleinstlabels und Indie-Vertriebe übernommen, die zwischen frischfröhlichem Hobbyismus, lässiger Selbstausbeutung und visionärem Pragmatismus schwanken. Das mit Abstand wichtigste mediale Rückgrat heißt FM4. Doch längst hat man auch Ö3 und die Privatsender als Bastionen ausgemacht, die es zu erobern gilt. Vom Ausland ganz abgesehen. Von einem wirklich neuen, nennenswerten, nachhaltigen „Pop- Wunder“ wird hierzulande erst die Rede sein können, wenn der Hausmeister ums Eck „Du Oasch“ pfeift. Oder 5/8erl in Ehr’n um ein Autogramm fragt.









[...] haben wir noch ein echtes Anliegen: Wie unser Kolumnist Walter Gröbchen überzeugend darlegt, gibt es in Österreich wieder hochinteressante Musik, die auch international gehört wird. Warten [...]
[...] ist nicht tot. Sie zweifeln daran? Fragen Sie Gröbchen (bzw. lesen Sie’s einfach bei ihm nach)! Der muss es wissen, denn sein Label Monkey Music bringt diese Tage eine vielversprechende [...]