Viktory!
Viktor Gernot kann alles – er ist Schauspieler, Musiker, Sänger und Kabarettist. Und er ist ein guter Mensch. Österreichs bester Entertainer im Porträt. (Fotos: Sandra Keplinger)
Keiner von uns nahm es Viktor Gernot übel, dass er sich verspätete. Wir saßen im Büro unserer Freunde vom Verlagtheater gleichzeit, wo ihn Sandra fotografieren wollte, und warteten. Niemand murrte, niemand matschkerte, niemand blickte gequält auf die Uhr. Vielleicht, weil wir damit gerechnet hatten. „Er kommt gerne zu spät“, hatte uns Richard Österreicher, mit dessen Bigband Gernot einen hinreißenden Crooner à la Frank Sinatra gibt, gewarnt. Viel wahrscheinlicher aber ist, dass wir uns schlicht auf ihn freuten und ihm deshalb sogar ein wenig dankbar für seinen nachlässigen Umgang mit der Zeit waren – weil uns die Vorfreude so noch ein Weilchen länger erhalten blieb und uns eine angenehm dezente Anspannung bescherte.
Also warteten wir auf den Mann, den uns sein Freund und Partner Michael Niavarani so beschrieben hatte: „Er ist ein pflegeleichter, höflicher und zuvorkommender Mensch, deshalb muss man nichts über ihn wissen, bevor man ihn trifft.“ Wenig später sollte Eva, die Stylistin, mit Hingabe an Gernots Hemd, Sakko und Mascherl herumnesteln, Sandra nach jedem Foto zufrieden schmunzelnd auf das Display ihrer Kamera blicken und Artdirektorin Nina den Peter Alexander-Lieder anstimmenden Gernot nicht mehr aus den leuchtenden Augen lassen. Er war genau so, wie Niavarani ihn beschrieben hatte. Höflich, zuvorkommend und mit allen positiven Eigenschaften ausgestattet, die uns sonst noch in den Sinn kamen – kurz: ein Charmeur.
Stimmt es, dass du noch nie jemanden beleidigt hast?
Ich glaube, im Privatleben stimmt das. Im Kabarett kann man als Kunstfigur ganz andere Dinge sagen als im normalen Leben. Ich lebe nach dem Prinzip: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu.
Du wirkst immer sehr entspannt. Was macht dich narrisch?
Im Auto, wenn ich alleine unterwegs bin, kann ich herrlich unfähige Verkehrsteilnehmer beschimpfen. Da fallen mir auch die wunderschönsten Schimpfwörter der österreichischen Sprache ein. Spontan.
Im aktuellen Programm „2 Musterknaben“ wetterst du auch gegen die FPÖ. Was nervt dich an Strache und Co?
Politik ist immer Manipulation. Aber ich wünsche mir, dass eine politische Kraft die Massen zu etwas hinführt und manipuliert, das zu aller Nutzen ist und menschliche Wärme mit sich bringt. Die manipulieren, wie alle anderen auch, sehr erfolgreich. Aber in Richtungen, die ich ekelhaft finde. Feindbilder schaffen. Ausgrenzen. Die niedrigsten Instinkte ansprechend. Die verkörpern alles, was ich nicht bin und ich nicht will.
Dass Gernot Aversionen gegen Freiheitliche hegt, wussten wir, wir ahnten aber auch, dass sein Leben ein Fundus humoriger Anekdoten sein könnte. Michael Niavarani sagt: „Je trauriger es uns im Leben ergangen ist, desto lustiger haben wir es gehabt. Im Sommertheater vor 20 Jahren ist mir der Bart runter gefallen, und ich habe zu ihm gesagt: Monsieur, ich habe meinen Mastix verloren. Was sagen Sie dazu? Das hat ihn so zum Lachen gebracht, dass er längere Zeit nicht weiterspielen konnte.“ Und Uwe Kröger erinnert sich an folgende Geschichte: „Gernot stand auf dem Dach eines Hauses in Stuttgart, in dem wir uns mit Ann Mandrella eine Wohnung teilten. Eine unserer beiden Katzen war aus dem Fenster geklettert, und Gernot war ihr – trunken vom Vollmond, vielleicht auch vom Wein – gefolgt, um sie zu retten. Während er oben balancierte, fuchtelte ich, an der Dachluke stehend, wie ein Wahnsinniger mit den Armen. Die Katze zog den Schwanz ein, offenbar wollte sie sich lieber in die Tiefe stürzen, als sich von den seltsam herumschreienden Männern fangen zu lassen.“
Eine Kasperliade à la Gernot, ganz typisch für ihn: „Er hat bei den Proben meistens den Clown gespielt, um alle aufzulockern“, sagt Maya Hakvoort. Ein Mann, den die Männer mögen und die Frauen, sagen wir einmal, anziehendfinden: „Ich hab’ immer gefunden, er schaut gut aus“, schmunzelt Andrea Händler, „ich hab’ ein Foto von ihm mit nacktem Oberkörper und meinen Händen auf seinem super Sixpack.“
Der „super Sixpack“ ist übrigens das Ergebnis sportlichen Ehrgeizes, für Gernot seit Kindesbeinen wichtiger Teil seines Lebens, das am 18. Jänner 1965 in Enns seinen Anfang nahm. Er wuchs in Wöllersdorf bei Wiener Neustadt als Gernot Jedlicka (also Gernot Tannenbäumchen) auf, führt seinen Künstlernamen mittlerweile aber auch im Reisepass. Als Gymnasiast spielte er nicht nur mit seinen Lehrern in einer Rockband, er holte als Schwimmer im Team einen Staatsmeistertitel und unterhielt bei Schulausflügen schon damals den ganzen Bus. Nach dem Gymnasium schloss er seine Musical-Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien mit Auszeichnung ab und darf sich seither „Diplomierter Musical- und Operettendarsteller mit staatlicher Empfehlung zum Chansongesang“ nennen. Mit „Elisabeth“ schaffte er 1992 endgültig den Durchbruch (Link anschauen!!), legte aber 2000 (nach insgesamt 2.000 Vorstellungen) seine Musical- Karriere für unbestimmte Zeit auf Eis.
Er ist – trotz Absenz – ein großartiger Musical- Darsteller, Moderator, Schauspieler, Musiker, Sänger und höchst erfolgreicher Kabarettist. 100.000 sahen ihn in „Gefühlsecht“ mit Michael Niavarani, die aktuelle Produktion „2 Musterknaben“ ist auf Monate ausverkauft und mit seinem Solo-Programm „Grätznfest“ ist er in den Top 10 der Musik-DVD-Charts. Gernot ist Österreichs bester Entertainer: „Ein Perfektionist auf der Bühne“, sagt der Saxofonist seiner Band „Best Friends“, Thomas Faulhammer. „Er ist sich immer treu geblieben und ist mit sehr viel Talent, Charme und Intelligenz zu dem geworden, was er heute ist: der Viktor Gernot“, meint Musical-Star Uwe Kröger. Und „er versteht es, internationales Flair zu vermitteln“, sagt Andrea Händler. „Der Mann ist hochbegabt“, schwärmt Michael Niavarani, „arbeitet sehr fleißig und sehr viel, liebt das, was er macht und schaut wahnsinnig gut aus“. Pause. Schelmischer Nachsatz: „In Wahrheit ist es wahrscheinlich nur der Körper.“
Wie ist es um dein Selbstvertrauen bestellt?
Es läuft sehr gut bei mir. Und es läuft sehr gut seit vielen Jahren. Da kann man auf hohem Niveau jammern. Ich kann nicht sagen, wie ich mich fühlen würde, wenn ich meine wunderbar laufende Beziehung beenden müsste oder sie beendet würde und ich gleichzeitig einen Flop auf der Bühne lande. Ich nehme an, dann wäre es mit meinem Selbstbewusstsein schnell vorbei.
Willst du von allen geliebt werden?
Nein. Es gibt einen Spruch, „Toleranz heißt, die Intoleranz nicht zu tolerieren“ (von Karl Popper, Anm.). Diesen Satz finde ich sehr passend. Ich muss nicht jedem Arschloch gefallen.
Bist du bereits der Typ, mit dem du alt werden könntest?
Jaja. Ich habe mich schon wunderbar mit mir arrangiert.
Du findest Otto Schenk mutig, ist er auch wegen seines Durchhaltevermögens für dich ein Vorbild?
Wenn es mir in diesem Alter noch Spaß machen sollte, dann ja. Weil noch immer eine sehr große Qualität da ist. Was ich nicht möchte, ist ein Jopi Heesters-Schicksal. Da würde ich mir wünschen, dass mich jemand gnädig von der Bühne schießt. Der Peter Alexander ist das glatte Gegenteil. Selbst unter Androhung von vielen Millionen Euro lässt er sich zu nichts mehr bewegen, seit vielen Jahren. Ich glaube aber, ich werde eher so ein Otto-Schenk-Typ werden.
Hast du zu Peter Alexander noch Kontakt?
Der Nia und ich besuchen in zweimal im Jahr – auf seine Einladung hin. Da gibt es ein gemeinsames Mittagessen und eine Plauderstunde. Ich nehme die Gitarre mit, er spielt Klavier, wir musizieren gemeinsam. Und dann erzählt er Anekdoten. Vor allem solche, die er im Fernsehen nicht erzählen konnte, weil sie ein bisschen zu frivol gewesen wären.
Wäre es für dich eine Option, eine Show wie sie der Peter Alexander gemacht hat machen – wo du alle deine Begabungen verknüpfen kannst? Oder ist die Zeit dieser Shows vorbei?
Prinzipiell wäre das ein Traum. Aber ich glaube, die Zeit ist vorbei.
Gernot schlüpfte in das dritte Sakko. Mit größter Sorgfalt platzierte Eva ein schwarzes Mascherl auf dem Revers, hin und wieder kann Lässigkeit auch harte Arbeit sein. Oder eine Stärke: „Er kann so tun, als wäre er wahnsinnig diszipliniert und ordentlich“, hatte Niavarani über ihn gesagt. „In Wahrheit ist er aber genauso chaotisch wie ich.“ Schwächen? „Schwächen gibt’s keine“, sagt Richard Österreicher. „Ich kenne nur Stärken“, meint Thomas Faulhammer. Und „Homemade french fries“ aus Plastikbeutel und Backofen, wie Uwe Kröger meint, sind wohl eher ein Zeichen praktischer Veranlagung, denn echte Schwäche. Nachdenklicher stimmt da eher Maya Hakvoorts Überlegung. Sie meint, „er möchte es immer allen recht machen und ist harmoniebedürftig“. – „Da trifft sie es wahrscheinlich ganz gut“, sagt Gernot. „Beruflich bedeutet das, dass man versucht, alles so perfekt zu machen, dass man sich denkt, das kann keiner schlecht finden. Und ich versuche sicherlich auch, es meiner Freundin, meinen Freunden, meiner Familie recht zu machen.“ Werner Sobotka sagt: „Er ist echt ein guter Mensch.“
Über dich sagen viele, die dich gut kennen: Er ist lustig, aber so ganz öffnet er sich nie – eine richtige Beschreibung?
Das könnte stimmen.
In „Gefühlsecht“ heißt es, wir lassen „die Hosen unserer Seelen“ runter. Wie viel hast du in diesem Programm von dir verraten?
Den String-Tanga habe ich angelassen.
Warum hast du eine Gesprächstherapie gemacht?
Ich hatte vom Anfang meiner Karriere bis Mitte 30 eine sehr lange und sehr intensive Arbeitsphase. Ohne Ruhepausen. Ohne Urlaub. Ich war wahnsinnig beschäftigt. Und dann war ich 35 oder 36 und habe immer öfter gedacht: Wer bin ich, wenn ich diesen Job nicht mache? Was bleibt übrig vom Gernot? Die Antwort war ernüchternd, weil ich mich fast ausschließlich über meine Arbeit definiert habe. Die Erkenntnis, dass ich ohne Job nicht über den Tag kommen würde, keinen Bekannten- und Freundeskreis hatte, habe ich professionell besprechen müssen. Das war eine großartige Entscheidung. Nach einem halben Jahr in einer klassischen Gesprächstherapie bin ich wunderbar gestärkt daraus hervorgegangen.
Wer ist dein bester Freund?
Darf ich auch zwei nennen?
Ja, sicher.
Thomas Strobl [Bassist in seiner Band, Anm.] und der Michael Niavarani.
Was macht einen besten Freund aus?
Ich habe gelernt, dass Männer-Freunde wenig voneinander verlangen. Und dass durchaus eine Zeit verstreichen kann, wo man wenig bis gar keinen Kontakt hat. Dann gibt es wieder das nächste Treffen und man nimmt quasi das Gespräch an der Stelle auf, wo man es vor drei Monaten beendet hat. In guten Zeiten kann jeder und leicht Freund sein. Das Wichtigste ist, dass jemand mit großer Selbstverständlichkeit an deiner Seite ist, wenn dir die Tragödie ins Leben patzt.
Können Männer und Frauen Freunde sein?
Wenn sie das Sexuelle hinter sich gebracht haben – ja.
Deine Freundin ist auch deine Managerin – wie hält sie denn diese Doppelbelastung aus?
Es ist eine Herausforderung. Aber es funktioniert hervorragend. Wir sind seit über zwei Jahren zusammen und seit eineinhalb Jahren gibt es die berufliche Zusammenarbeit. Wir dürfen nur weder beruflich noch privat wirklich ernsthaft zu streiten beginnen, weil dann wird es kompliziert.
Ist Liebe ein Vergnügen oder anstrengende Arbeit?
Liebe ist natürlich ein Vergnügen. Das ist das höchste Versprechen, eitel Wonne erleben zu können – um das über einen langen Zeitraum zu erhalten, muss man arbeiten. Von selbst geht es nur am Anfang. Aber ich bin inzwischen so, dass ich mich nicht mehr vor der Arbeit scheue.
Und da lächelten wir. Unsere Vorfreude war berechtigt. Ganz und gar.
DIE FAKTEN
Viktor Gernot wurde als Gernot Jedlicka am 18. Jänner 1965 in Enns geboren, wuchs in Wöllersdorf bei Wiener Neustadt auf. Er absolvierte Schwimm-Gymnasium und Konservatorium der Stadt Wien, schaffte mit „Elisabeth“ den Durchbruch. Derzeit als Kabarettist (Solo und im Duo mit Niavarani), Sänger (mit seiner Band bzw. der Bigband von Richard Österreicher). Er lebt mit seiner Managerin Susanne Minichsdorfer in Wien.
Erschienen im WIENER 347 / Juli 2010










@kigo dann ist das hier das interview für dich ;)) http://www.wiener-online.at/2010/06/viktory/