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Menschen

Staberl leibhaftig

Richard Nimmerrichter, Jahrgang 1920, schrieb 37 Jahre lang jeden Tag eine Kolumne für die „Kronen Zeitung“. Der WIENER traf den einst umstrittensten Journalisten Österreichs. Ein Interview so unverblümt wie seine Kolumnen.

In „Hader: Privat“ verwandelte sich der Teufel in den Staberl, um furchterregender zu wirken. Im echten Leben wurde Richard Nimmerrichter beschimpft und bejubelt. Alles, was seiner klaren und strukturierten Wahrnehmung seines geliebten Österreichs widersprach, zog er erbarmungslos durch den verbalen Fleischwolf. 2001, nach über 13.500 im 24-Stunden-Takt produzierten Kolumnen, ging der Staberl in Pension, in einem mythenumrankten Streit mit seinem Chef Hans Dichand, dem Tycoon der „Krone“. Die „Kleine Zeitung“ erklärte den Staberl vor vier Jahren in einem Nebensatz irrtümlich für tot. Richard Nimmerrichter jedenfalls lebt – und wie!

Was ist aus dem linkenhassenden Brachialwetterer geworden?, fragten wir uns und besuchten den knapp 90-jährigen in Pörtschach am Wörthersee – um dort im ausgiebigen WIENER-Gespräch eine Überraschung zu erleben: Er wird nicht müde, seinen Hass auf das Hitlerregime zu betonen, und erklärt, wie er zwei Juden Leben und Karriere verdankt. Im Krieg entging er einst der Internierung, weil er überzeugend einen Franzosen spielte und ihm ein jüdischer Kommissar die erfundene Identität bestätigte, der andere brachte ihn bei „United Press“ unter. Gegen die moderne Technologie hat er nix, auch wenn er sie selbst nicht verwendet. Er ist sich sicher, nie etwas falsch gemacht zu haben, und lacht über seinen Text, an dessen Beispiel 2004 der Kronen Zeitung der Ruf des Antisemitismus gerichtlich bestätigt wurde: Der jüdische Journalist Rosenthal war von ihm abwechselnd als Rosenbaum und Rosenzweig bezeichnet worden – ein Tippfehler, sagt er heute. Im Gespräch präsentiert sich der berüchtigte Streithansl (als „Starjournalist“ bezeichnet zu werden, findet er lächerlich) geradezu gesellschaftsfähig – und das, obwohl er Gesellschaft auch heute noch genussvoll meidet: Auf Kinder und Enkel hat der erprobte Einzelgänger bewusst verzichtet, Kollegen von der Zeitung hat er schon damals nicht privat getroffen, und mit seiner Lebensgefährtin teilt er keine gemeinsame Wohnung: Alleinsein ist ihm ein Geschenk. Aus der Kirche ist Nimmerrichter ausgetreten, trotzdem wird der Verein zur Erhaltung des Stephansdoms einen Gutteil seines Vermögens erben. Aus solcherlei Widersprüchen zwischen äußerer Wahrnehmung und innerer Haltung bezieht Richard Nimmerrichter seine Ruhe und Kraft – und aus regelmäßigen Saunabesuchen.

Wieso haben Sie sich für den Journalismus entschieden?

Mit 11 habe ich gesagt, dass ich Journalist werden möchte. Ich habe nie etwas anderes werden wollen. Meine zwei Jahre als Chefredakteur der Weltpresse waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich wollte schreiben und nicht verwalten. Da habe ich auch erkannt, dass es im Berufsleben wichtig ist zu wissen, was man kann, aber ungleich wichtiger zu wissen, was man nicht kann und die Finger davon zu lassen. Wenn mich früher wer gefragt hat, was ich als Journalist machen will, habe ich gesagt: jeden Tag eine Geschichte schreiben. Und das ist es geworden. 37 Jahre lang.

Waren Sie nie auf Urlaub?

Wenn ich weggefahren wäre bei der Krone, dann säßen Sie heute nicht hier. Denn diese Wohnung und die in Gastein habe ich mir genommen, damit ich auch im Urlaub meine Kolumne weiter schreiben kann. Ich bin auch jetzt ein Urlaubsmuffel.

Was war Ihre größte Inspirationsquelle?

Eigentlich das Fernsehen, weil es am meisten verbreitet und am wirksamsten ist. Die Macht der Zeitungen wird überschätzt.

War die Kolumne von Anfang an – entweder von Ihnen oder vom Herausgeber – so angelegt, dass sie provoziert?

Nur von mir. Die Kolumne hat zur Voraussetzung Feinde. Und wenn nicht genügend da waren, musste ich mir welche züchten. Eine Lieblingsfeindin von mir war die frühere Frauenministerin Dohnal. Als die abgesägt wurde, war das für mich ein schwerer Verlust. Von der habe ich Stoff bekommen, noch und noch.

Gab es auch Sachen, die Sie schreiben wollten, die sich aber mit der Blattlinie nicht vertragen haben?

Ich bin ja kein Narr. So verbockt bin ich nicht gewesen, dass ich gegen die eigene Zeitung schreibe.

Sie sind oft angegriffen worden, hatten 58 Verurteilungen wegen übler Nachrede usw.

Ich wurde 156 Mal geklagt. Meistens war ich gar nicht bei den Verhandlungen. Das war alles vorzugsweise in den ersten Jahren. Es hat sich nämlich herumgesprochen, dass Klagen nichts nützt. Ich habe mich schon manchmal gefragt: Hast du etwas falsch gemacht? Bist jetzt schon drei Monate nicht geklagt worden? Du musst wieder einmal.

War es ein starker Druck für Sie, immer abliefern zu müssen?

Zunächst nicht, aber 1985 habe ich das Pensionsalter erreicht. Da wollte ich schon gehen. Der Dichand hat gesagt: Das kannst du nicht machen. Ein paar Jahre brauchen wir das noch. Er hat an meine Loyalität appelliert. Und ich habe gesagt: Der hat mir die Verwirklichung eines Jugendtraumes möglich gemacht. Ich halte Loyalität für die höchste aller menschlichen Tugenden.

Hat sich die Krone ohne Sie verändert?

Ich sehe die Auflagenentwicklung. Mein Abgang hatte keine negativen Folgen. Nur diese EU-Gegnerschaft kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben dort alle bei der Volksabstimmung für die EU gestimmt. Man darf die EU ja nicht als Ideal sehen. Es ist uns nichts anderes übrig geblieben. Wollen wir uns gegen einen ganzen Kontinent stellen?

Haben Sie heute noch Kontakt zu Herrn Dichand? [Anm. Dieses Interview wurde drei Wochen vor Dichands Tod geführt]

Wir hatten immer ein sehr korrektes Verhältnis, aber nie persönlichen Kontakt.

Gehen Sie wählen?

Ich habe bei der letzten Bundespräsidentenwahl nicht gewählt. Da oute ich mich jetzt. Und bei der vorigen Bundespräsidentenwahl habe ich zum ersten Mal in meinem Leben über den Stimmzettel einen Strich gemacht und hingeschrieben: Amt unnötig, zu teuer, überflüssig.

Haider?

Wir waren nicht befreundet. Ich war mit ihm bekannt, habe ihn aber vier Jahre vor seinem Tod nicht mehr gesehen, weil ich mit verschiedenen Dingen nicht mitgekommen bin, die er gemacht hat. Aber er war ein amüsanter und gescheiter und jeder Zeit ergiebiger Gesprächspartner.

Strache?

Ich weiß nicht recht. Also der Strache ist mir nicht sehr koscher, wenn ich so sagen darf.

Die Grünen?

Die sind ja überhaupt eine nicht existierende Größe. Wenn die richtig links wären, wäre mir das noch lieber als sie spielen sich auf als ökologische Vorkämpfer und sind in Wirklichkeit halbe Bolschewiken.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Überhaupt nicht. Mit meinem Tod erlischt mein Interesse an mir.

Richard „Staberl“ Nimmerrichter, geboren am 31. Dezember 1920, arbeitete nach der russischen Kriegsgefangenschaft als Journalist - auch Sport- und Chefredakteur - beim Amerikanischen Nachrichtendienst, der United Press, der Welt am Montag und der Weltpresse. Von 1965 bis 2001 schrieb er als „Staberl“ eine tägliche Kolumne bei der Kronen Zeitung. Heute pendelt der sportliche 89-Jährige (Schwimmen, Rad fahren) zwischen seinen Wohnsitzen Wien und Pörtschach.
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Tuesday, 07.02.2012, 10:20 Uhr

Autorenprofil Martin Thomas Pesl

Martin Thomas Pesl
Martin Thomas Pesl, geboren 1983 in Wien, arbeitet von ebenda aus als Sprecher, Übersetzer für Deutsch, Englisch und Ungarisch, sowie seit 2008 als Autor für den WIENER.

» Alle Beiträge von Martin Thomas Pesl » Private Webseite

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