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Comics

“Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”

SPOILER WARNUNG. Schwierig, über Comics zu schreiben und nicht gleich alles auszuplaudern. Noch dazu, wenn sie so ein Page-Turner und so eng mit dem Leben der Autorin verwoben sind wie Ulli Lusts  “Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens”. Wir probieren’s deshalb erst gar nicht: Wir erzählen Ihnen alles. Lesen Sie’s halt nicht, wenn Sie das stört!

SYNOPSIS
Eigentlich kam die 16jährige Ulli Anfang der 80er Jahre vom Land nach Wien, um eine Ausbildung zu machen. Aber schon bald wird sie von der gerade aktuellen Punker-Szene angezogen und verschluckt. Schnorren um Geld und Zigaretten, wechselndes Hausen in Substandardwohnungen – umgezogen wird, wenn die Küche voll von schmutzigem Geschirr ist – bestimmt ihr Leben. Bis sie im Sommer 1984 auf die wenig ältere Edi trifft, die ihr vorschlägt gemeinsam nach Italien aufzubrechen. Ohne Geld (ein Versuch sich welches in einem Puff zu verdienen schlägt fehl) und ohne Papiere (Edi wird angeblich von Interpol gesucht) führt der erste Weg per Autostopp in den Süden Österreichs. Mit Semmeln und Brausebonbons um die letzten 5 Schilling wird Ullis 17. Geburtstag gefeiert, dann geht es durch Gestrüpp und Sumpf mitten in der Nacht über die grüne Grenze.

Erst Verona inklusive Opernvorführung, dann Rom. Die beiden Mädels lassen sich treiben und kommen dabei eigentlich ganz gut voran. Hilfreich ist dabei sicher, dass Edi eine ausgeprägte Nymphomanin ist, die nichts und niemanden auslässt. In Rom schließen sich die beiden einer Globetrotter-Community an, die in den öffentlichen Parks nächtigt, in den öffentlichen Brunnen, die in Rom Trinkwasserqualität haben, duscht und tagsüber auf der Spanischen Treppe wohnt. Sie lernen den Junkie Andreas kennen, der auf der Flucht vor den österreichischen Behörden lebt und die beiden in das Leben auf der Straße in Italien einführt. Durch Kleinkriminalität und Bettelei – die Italiener sind traditionell großzügig zu Bettlern – kommt man ganz gut durch. Sogar ein Konzert der Clash erlebt die kleine Truppe, klarerweise ohne Karten und über den Zaun.

Als es Herbst wird, heißt es für die hippiesken Punks noch weiter nach Süden zu ziehen. Unterbrochen von einer von einem geilen Italiener absichtlich herbeigeführten Trennung von ihren Freunden in Neapel mit veritabel kafkaesken Folgen, gelangt Ulli nach Sizilien. Dort lernt sie in den ersten Minuten, dass ein allein reisendes junges Mädchen im Land der katholisch-zwangskeuschen, notgeilen Süditaliener nichts anderes ist als ein Stück Freiwild. Der Anschluss an zwei Einheimische bringt die vermeintliche Rettung, Ulli lernt unter anderem, dass man in Sizilien nur in ein Restaurant gehen und „Ich habe Hunger“ sagen muss, um gratis ein Menü serviert zu bekommen. In Wirklichkeit führt die Begegnung mit den zwei Sizilianern aber zum dramatischen und traumatischen Tiefpunkt der Reise.

Kurz findet Ulli Rettung bei zwei sich als Straßenmaler über Wasser haltenden Österreichern in einem Haus am Meer, bevor das überraschende Wiedersehen mit Edi sie wieder auf den ursprünglich geplanten Weg zurück bringt. Edi lebt hier inzwischen ganz gut als Mätresse eines Mafioso und Teilzeit-Prostituierte (mit Andreas als Zuhälter) und steht unter dem Schutz des hiesigen Paten. Sie zieht Ulli in ihr Leben, das anfangs gar nicht so schlecht scheint. Wobei Ulli, wie auch bisher auf der gesamten Reise vergleichsweise keusch bleibt. Als die Sache jedoch in Richtung einer Art Gefangenschaft als Sex-Püppchen in einem Sommerhaus des Mafioso ausartet, überredet Ulli Edi zu fliehen. Mitten im großen Schlag gegen die Mafia des Jahres 1984 werden auch die befreundeten Österreicher aufgegriffen. Erneut von der inzwischen abgeschobenen Edi getrennt, entschließt sich Ulli nach einigen Tagen des Zögerns freiwillig zur Heimkehr nach Österreich.

Und landet hier vorerst in den Abgründen der heimischen Dorfidylle im Pulkautal, wo Ulli seit ihrem Verschwinden das Objekt der schlimmsten und verleumderischesten Gerüchte und Spekulationen war. Lange wird Ulli hier nicht bleiben. Aber vorerst steht sie am Ende einer traumhaft-alptraumhaften Odyssee – und am Beginn des ersten Tags des Rests von ihrem Leben.

WIENER KURZKRITIK
Mit „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ hat die in Berlin lebende Wienerin Ulli Lust nicht nur die bisher umfangreichste deutschsprachige „Graphic Novel“ abgeliefert, sondern gleichzeitig eine schonungslose Autobiographie. Und heimst damit rundum Ruhm und Preise ein. Zu Recht.
Ein Road-Comic voll von Leben auf der Straße, Gelegenheits-Sex, italienischen Machos, gutherzigen Mafiosi und tiefen Einblicken in die Seele eines jungen Mädchens auf der Suche. Die Authentizität, die Lust mit dezent eingesetzten künstlerischen Mitteln, hart gescannte Bleistiftzeichnungen,umzusetzen und einzusetzen weiß, ist das was an dem Buch so fasziniert. Leseproben gibt’s hier: www.electrocomics.net (oder als pdf zum Download hier)

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Autorenprofil Harald Havas

Harald Havas
(Buch-)Autor, (Comic-)Texter, Journalist, bilingualer Twitter-Romancier (siehe hier)

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