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Buch

Google meets ÖNB: Bücher für alle?

Die Meldung verbreitete sich heute wie ein Lauffeuer:

“Als eine der weltweit ersten Nationalbibliotheken wird die Österreichische Nationalbibliothek ihren kompletten historischen Buchbestand vom 16. bis zum 19. Jahrhundert – eine der fünf international bedeutendsten Sammlungen historischer Bücher – digitalisieren und online zugänglich machen. Das Projekt wird in einer Public Private Partnership mit Google durchgeführt. Es werden rund 400.000 urheberrechtsfreie Werke digitalisiert, die uneingeschränkt und kostenfrei über die Digitale Bibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek und über die Google Buchsuche benutzt werden können.” (Quelle: ÖNB / Austrian Books Online)
Details siehe auch hier (Datenschmutz Blog) und hier (Der Standard)

Passend dazu haben wir in unserem Archiv gekramt und ein Interview hervorgezaubert – mit Johanna Rachinger, ihres Zeichens Generaldirektorin der ÖNB und Master Mind hinter dem Google Deal. Wolfgang Wieser sprach mit der sympathischen Oberösterreicherin über Digitalisierung, Verlagspolitik und die Eignung des “Kindle” für die Badewanne. Erschienen im WIENER 343 / März 2010.

Dr. Rachinger (Foto: courtesy of ÖNB)

Natürlich riechen Bücher gut. Und eine nicht zu unterschätzende Zahl von Lesern liebt vor der Lektüre nichts mehr, als erst mit den Fingern sanft über den Einband zu streichen, sich dann ahnungsfroh ins Daumenkino zu begeben (bis einem die Buchstaben vor den Augen verschwimmen) und schließlich einen tiefen Atemzug des aus den Seiten drängenden Duftpotpourris zu genießen. Schnuppern Sie einmal an einer PC-Tastatur, das im besten Fall fehlende olfaktorische Vergnügen (es könnte ja auch nach kaltem Rauch, ungewaschenen Händen oder ähnlich Unerfreulichem stinken) ist einer der kaum wahrnehmbaren Vorboten der dräuenden Digikratie, der Herrschaft des Digitalen. Geht es „nur“ um das gedruckte Buch, kommt die Revolution schon deutlich lauter daher, begleitet wird sie von schrillen Misstönen und Aufsehen erregenden Scharmützeln.

Der Revolutionsführer heißt Google. Und sein Ziel ist die Herrschaft über die Bücher (und wer zu Verschwörungstheorien neigt, fügt hinzu: über das Wissen). Millionen von Büchern wurden von Google bereits digitalisiert. Und Millionen sollen folgen. Das macht nicht nur Verschwörungstheoretikern zu schaffen, das wirbelt die ganze Welt der Buchstaben durcheinander. Verlage bangen um ihre Existenz (Druckereien sowieso), optimistische Autoren hoffen auf zusätzlichen Benefit als erfolgreiche Internet- Selbstverleger. Und dann ist da noch eine völlig ungeklärte Frage: Wem gehört die Kreativität? Oder anders formuliert: Was passiert mit dem Urheberrecht? Der WIENER sprach darüber mit der Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger. Dort, zwischen Josefsplatz und Heldenplatz, hat mittlerweile selbst in den Prunkräumen das Digitale Einzug gehalten. Sieben Millionen Seiten sind abrufbar, 1.400 User nutzen das Archiv täglich online (wobei erstaunlicherweise die Zahl der Menschen in den Lesesälen – etwa 1.000 täglich – gleich geblieben ist). 320.000 Bilder werden in digitaler Form weltweit vertrieben, bis 2012 werden 100.000 Plakate gescannt und außerdem ist ein neuer Tiefspeicher unterm Heldenplatz geplant. Denn noch sind gedruckte Bücher nicht Geschichte: Jedes Jahr registriert allein die Österreichische Nationalbibliothek 50.000 neue.

Frau Dr. Rachinger, Google digitalisiert Millionen Bücher – eine Gefahr für das gedruckte Buch?

Natürlich. Aber das ist noch keine Bewertung. Denn an sich finde ich es gut, wenn Bücher digitalisiert werden und so wesentlich mehr Menschen zur Verfügung stehen.

Ist die Digitalisierung überhaupt noch zu stoppen?

Nein, sicher nicht. Es digitalisiert ja nicht nur Google, auch wir an der Österreichischen Nationalbibliothek digitalisieren. Uns geht es um die Demokratisierung des Wissens und die Sicherung kulturellen Erbes.

Ist für die Nationalbibliothek eine Kooperation mit Google vorstellbar, wie es sie auch im deutschsprachigen Raum, auch in Spanien und Frankreich bereits gibt?

Ja, absolut. Ist die Digitalisierung eine Gefahr für die Verlage? Eine Gefahr ist sie für die Buchhandlungen, aber für die Verlage kann die Digitalisierung eine unglaubliche Chance sein. Weil das Planen der Auflagenzahlen, zu hohe Lagerbestände und die ganze Logistik wegfällt, wenn on demand produziert wird.

Brauchen wir Verlage dann überhaupt noch?

Es kann natürlich sein, dass ein Bestseller-Autor sagt, ich brauche keinen Verlag mehr, ich stelle einfach mein Buch ins Internet. Aber das funktioniert eben nur bei Bestseller-Autoren, die anderen müssen im Internet erst einmal wahrgenommen werden. Und dafür braucht es auch Vertriebs- und Marketingstrukturen sowie Markennamen. Allerdings könnten diese Tätigkeiten auch Agenturen wahrnehmen.

Wird es für die Autoren in der digitalen Welt einfach oder schwieriger, Bücher zu veröffentlichen?

Das wird sicher einfacher, weil die hohen Vorab-Kosten bei einer Buchproduktion wegfallen. Ein Buch ins Internet zu stellen, ist ja nicht mit hohen Kosten verbunden.

Denkbar, dass mit der Digitalisierung auch jeder Autor zu seinem eigenen Verleger wird?

Das ist nicht nur denkbar, das gab es schon. Stephen King hat es mit einem seiner Bücher gemacht. Funktionieren kann das aber nur bei Bestseller-Autoren.

Google-Kritiker haben immer wieder beklagt, dass mit der englischsprachigen Ausrichtung der Digitalisierung andere Sprachen ins Hintertreffen geraten könnten. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Diese Befürchtungen waren schon eine Zeitlang da, als Google mit US-amerikanischen Büchern in die Massendigitalisierung gegangen ist. Europa hat aber jetzt reagiert. Jetzt wird die European Digital Library, die sogenannte Europeana, aufgebaut – und da sind wir selbst federführend dabei. Die Idee dahinter ist, dass das eine große europäische Bibliothek wird, wo nicht nur die jeweiligen Nationalbibliotheken, sondern auch Archive und Museen ihre digitalen Inhalte einbringen. Ich muss allerdings sagen, dass Österreich zu wenig Geld für die Digitalisierung ausgibt.

Sehen Sie die Europeana als Konkurrenz zu Google – oder als Ergänzung?

Wenn es um Informationen geht, gibt es für mich keine Konkurrenz. Für mich geht es darum, dass die Menschen möglichst schnell die Information finden, die sie brauchen. Das ist auch keine Ergänzung. Das ist ein berechtigtes, emanzipiertes Nebeneinander. Und es ist ganz wichtig, dass Europa mit seiner Kultur dabei ist. Sonst besteht die Gefahr, dass das, was nicht drinnen ist, gar nicht mehr wahrgenommen wird.

Mit der Debatte um die Digitalisierung geht auch die Diskussion um die Urheberrechte einher. Es gibt Experten, die meinen, Urheberrechte seien eigentlich obsolet.

Wenn wir so salopp an diese Sachen herangehen, dann wird es irgendwann keine Kreativität mehr geben. Warum sollen sich Menschen dann noch bemühen, gerade jetzt, wo die Kreativwirtschaft ein ganz wichtiger Faktor ist, irgendetwas zu erfinden, zu leisten, wenn sie dann überhaupt kein Urheberrecht darauf haben? Ich glaube, das Urheberrecht muss wirklich geschützt werden.

Ist dieses Urheberrecht in einer Copy/Paste-Kultur überhaupt noch schützbar?

Das ist natürlich ganz schwierig. Da brauchen wir sehr strenge Gesetze. Sie haben eingangs von einer Demokratisierung des Wissens als einem der Ziele der Digitalisierung gesprochen.

Wäre es in diesem Zusammenhang nicht logisch, Urheberrechte als überholt zu betrachten?

Nein, denn ein Buch kann sich jeder besorgen. Und einer der Vorteile der Digitalisierung ist, dass die Bücher billiger werden. Vom neuen Dan Brown sind 50 Prozent der verkauften Exemplare über den Kindle gegangen und waren um 20 oder 30 Prozent billiger.

Haben Sie das Buch schon gelesen?

Nein, aber den Kindle habe ich schon zu Hause.

Geht mit der Digitalisierung nicht auch die Sinnlichkeit des Bücherlesens verloren?

Na klar geht etwas verloren. Beim Kindle habe ich mir auch erst gedacht, das ist nichts für mich. Einen Roman, ein Gedicht liest man doch lieber im Buch – habe ich geglaubt. Aber jetzt hab ich’s ausprobiert und bin begeistert.

Aber in der Badewanne ist der Kindle nicht wirklich ideal?

Wenn man ihn nicht ins Wasser tut, schon. Aber das gilt auch für das Buch.

DIE FAKTEN
Dr. Johanna Rachinger ist seit Juni 2001 Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek. Nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik an der Universität Wien arbeitete sie als Lektorin beim Wiener Frauenverlag, war von 1988 bis 1992 Leiterin der Buchberatungsstelle beim Österreichischen Bibliothekswerk und wechselte dann zum Verlag Ueberreuter, wo sie ab 1995 bis zur Bestellung zur Generaldirektorin als Geschäftsführerin tätig war. www.onb.ac.at

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