WIENER
Editorial

Hausmitteilung / Juni 2010

cover346Der Fußball, so steht es geschrieben, wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien erfunden und sprang von dort ab den 80er Jahren derselben Dekade auf Kontinentaleuropa über. Zu rot-weiß-roter Blüte trieb er knapp 100 Jahre später aus – nach einem weiteren Evolutionssprung über die Meere, in der argentinischen Provinz Córdoba, in die mit den europäischen Sommermonaten der Winter einzieht und die Natur in Katatonie versetzt. Eine wie von größter Spannung erzwungene Starre befällt dann das Land, die sich, sobald die Zeit reif ist, da und dort mit dem Durchbruch eines Sprosses von saftiger Vitalität Luft zu machen scheint.

Ein solcher Spross rankte sich auch am 21. Juni 1978 aus dem Staub der kargen Pampa Seca Argentiniens der Sonne entgegen. Gemeint ist das 3:2 gegen Deutschland, das „Wunder von Córdoba“, über das in Biologiebüchern erstaunlich wenig zu finden ist. Das mag auch an der Seltenheit solcher Naturschauspiele liegen, die manche schon in den Glauben versetzt, es handle sich um Jäger-latein ohne jede reale Entsprechung – eine Art kollektives Phantasiegebilde, das nie wirklich stattgefunden habe.

Andere vermuten, es sei ein botanisches Pendant zur Eintagsfliege gewesen, gekreuzt vielleicht mit der blauen Wunderblume des Novalis, der auch nachgesagt wird, dass sie nur alle 100 Jahre erblühe. Demnach würde es bis zum nächsten saftig-vitalen Durchbruch des österreichischen Nationalteams noch ein Weilchen dauern, und dafür scheint tatsächlich einiges zu sprechen.

Der WIENER lässt in der aktuellen Dürreperiode des Austro-Fußballs noch einmal die alten Wunder aufleben: Die Rasen-Ritter von 1978, die sich seit ihrem legendären Triumph meistenteils hinter bürgerliche und bodenständige Zäune gepflanzt haben und dort ihr redliches Ausgedinge genießen (ab Seite 30). Eine Ausnahme bildet dabei Hans Krankl, als Jahrhundert-Stürmer und Goleador der spanischen Liga der 1880er längst in den Geschichtsbüchern, nun auf dem Weg, den Rock’n’Roll seines Lebens vom Rasen ins Ton-Studio zu tragen (ab Seite 34).

Wenn sich die aktuelle Fußball-WM gegen Córdoba auch ausnimmt wie das Gänseblümchen gegen den Rosenbusch, so haben wir in Südafrika doch ein ganz besonderes Ereignis für Sie entdeckt: Orlando Pirates gegen Kaizer Chiefs in Soweto – gewissermaßen Austria gegen Rapid im Herz jener Region, die 1976 mit ihrem Aufstand den Anfang vom Ende der Apartheid markierte. Wenn die Menschen dort mit Fußball auch kaum Millionen verdienen, so bringen sie ihm immerhin etwas bei, und zwar das Tanzen. Hello Africa, entrang es sich da unwillkürlich unserer Kehle – wie schon Dr. Alban im Jahr 1990, der damals damit einen fulminanten No.1-Hit landete. Womit wir beim nächsten Punkt wären: Für alle, die gegen Kicken immun sind, haben wir quasi mit Hans K. zur Gitarre gegriffen und ein paar Cover-Nummern eingespielt:

New York Grove (Original von Hello, Charts-Stürmer 1975) – eine aufregende Fotostrecke mit Mel Merio, dem Mädchen, das auszog, um sich im Big Apple für den wieneieneieneiener auszuziehen – abgesehen davon, dass sie dort unfassbar gute Musik gemacht hat (ab Seite 44).

Cloudbusting (Original von Kate Bush, 1985 die zweite Single-Auskopplung ihres No. 1-Albums „Hounds of Love“): Wir erklären, was hinter der im Datenverkehr vielbeschworenen „Cloud“ steckt (ab Seite 58).

Born to be wild (Original von Steppenwolf, seit 1968 die Pflicht-Hymne aller ernstzunehmenden Biker): Daran haben wir uns auch erinnert – und der Maschine aller Maschinen, einer Harley Davidson Road King, quer durch Kalifornien die Sporen gegeben (ab Seite 74).

Good Vibrations (Original: Beach Boys, 1966 in den USA No. 1-Hit): Unser Beitrag, damit Sie in Badehosen, Schlapfen und Strohhut nicht albern sondern stilsicher wirken. Das geht, lesen Sie ab Seite 94 weiter.

Falls Sie nun, in der Zeit des allgemeinen Fußball-Hypes doch mehr sportliche Expertise wünschen, haben wir eine Empfehlung abzugeben: Die Kollegen vom „Sportmagazin“ haben dieser Tage ihr gesamtes Know-how Kür laufen lassen, um das beste, umfang- und faktenreichste WM-Spezial zu erarbeiten, das zwischen Bodensee und Wiener Becken zu bekommen ist.

Kühlen Sie ausreichend Bier ein, wetten Sie auf die richtige Mannschaft und kommen Sie gut in den Sommer.

Herzlichst,
Helfried Bauer, Chefredakteur
helfried.bauer@wiener-online.at

Erschienen als Editorial im WIENER 346 / Juni 2010

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Helfried Bauer
Geboren 1966, 1991 Aufnahme der journalistischen Tätigkeit, in der Folge leitende Funktionen bei Hubert Burda- und Heinrich Bauer Verlag an unterschiedlichen Standorten in Deutschland, seit 2007-2011 bei Styria Multi Media in Wien, zuletzt Chefredakteur des Monatsmagazins WIENER. (Foto: © Martin Kröß)

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