Little Helpers
Lustige Pillen sind in der Spaßgesellschaft omnipräsent, ist Pandora überzeugt. Sie selbst probierte ein Spezial-Gel, das sie in eine Ampel verwandelte, die Stunden Rot leuchtete.
Es passierte auf der Franzensbrücke. A. fummelte in der Innentasche seines Cerruti-Mantels herum und offenbarte mir zwei kleine blaue Pillen. Viagra. Hab ich immer mit bei, grinste B. mit Dreck im Blick. Also auch er. Der gute, der wunderschöne, der hypercharmante, der golfende, der tennispielende, der frauenherzenbrechende A., seines Zeichen Anwalts und zwar einer der besseren, schluckt Daddys Little Helpers.
Irgendwie war ich doch konsterniert, denn A. verkörperte einmal so was wie meine erste große Liebe, allerdings war ich damals 12 und er ein Freund meines Vaters. Bei einem gemeinsamen Urlaub auf den Malediven weinte ich heiße, präpubertäre Tränen angesichts der Tatsache, dass er gleich zwei Mausis (A. nennt seine Liebschaften immer Mausi, und zwar alle – sein Speicherplatz für Frauennamen scheint begrenzt) in einer Woche vernaschte.
Heute ist A. etwas älter und schwört auf Viagra. Denn selbst das aparteste Nagetier verfehlt manchmal seine Wirkung. Deswegen geht er “auf Nummer sicher”. Gerne hätte ich an jenem Tag Erfahrungswerte ausgetauscht, aber mein einziger Kontakt mit Erektionsgaranten beschränkte sich auf das Angebot eines vermummten Dealers im Rotlichtbezirk von Amsterdam: “Kokain? Extasy? Viagra?” raunte der mir zu, und ich war doch verwundert – ob des Angebots, nicht ob der Reihenfolge. Offenbar gehört der Gebrauch von Viagra, Cialis, Levitra und Co. heutzutage zum guten Ton, und zwar nicht ausschließlich zu dem von Lustgreisen. Lustige Pillen sind in der Spaßgesellschaft omnipräsent, eine zum Raufkommen, eine zum Runterkommen, eine zum Hartwerden, und dann noch eine gegen unerwünschte Nebenwirkungen. Was solls, dachte ich mir, mein Körper ist zwar ein Tempel, aber doch ein ziemlich weltlicher: Zeit für einen Selbstversuch.
Ich klingelte bei Dr. M. durch, in Szenekreisen dafür bekannt und geliebt, dass er dubiose Potenzmittel aus Thailand importiert, nicht im großen Stil, aber doch mit Nachhaltigkeit. Dr. M. verschrieb mir die Einstiegsdroge: Oral Jelly, ein Gel, das man aus der Packung zuzelt und nicht, wie viele irrtümlich glauben, auf den Lümmel schmiert. Dort bringt es nämlich genau nada.
Aber weiter im Text. Kamagra Oral Jelly, so die korrekte Markenbezeichnung, landete nach einer sehr langen Nacht im Mund meines Lovers, ich zog mir den Rest vom Fest rein, immerhin soll das Zeug ja die Durchblutung fördern, was auch bei Frauen eine gewisse Wirkung zeigt. Also nuckelten wir artig an dem Gel aus Übersee und harrten der Dinge, die da kommen mögen. Schade nur, dass mich Dr. M. nicht über die möglichen Randerscheinungen des Erhärtungsphänomens aufgeklärt hatte. Die da wären (zu meinem Laptop und damit ins Google schaffte ich es noch rechtzeitig): Kopfschmerzen, Hautrötung, Sehstörungen, Verstopfung der Nase und Dyspepsie.
Umgerechnet auf meine Wenigkeit bedeutete das folgendes: Denken Sie an Rot. Denken Sie an das roteste Rot, das Sie jemals zu Gesicht bekommen haben. Diese Farbe hatte mein Gesicht. Ich war blutrot. Ich war eine lebende Ampel. Ich war die Lady in Red und zwar eine mit schätzomativ 100 Bar Druck im Schädel. Ein Bar mehr, und meine Augen wären aus dem Schädel geploppt, begleitet von diesem witzigen Pingpongballgeräusch. Glücklichweise waren sie so zugeschwollen, dass dem Verlust meines Augenlichts Einhalt geboten worden wurde. Dann versuchte ich einzuatmen und zwar durch die Nase: Unmöglich. Also: Hecheln. Von Kopfschmerzen und Verstopfung blieb ich allerdings verschont, welch Glück, also bitte: Sex mit einer Ampel, denn mein Holder sah inzwischen ebenfalls so aus, als hätte er seinen Kopf in einen Farbeimer getaucht. Nicht nur seinen Kopf, by the way.
Nach geschätzen acht Stunden beendeten wir den Liebesakt und bestellten chinesisches Essen (Thai-Food erschien mir zu kokett). Das Gesicht des Delivery-Boys werde ich niemals vergessen. Er sah Pandora, schweißgebadet, die Haut mittlerweile schweinchenrosa, die Haare lässig im Vogelstraußnest-Look, in einen Fetzen gewandet, der sich einst Bademantel nannte und mit lustigen Flecken übersät. Er tat mir leid. Ich gab ihm sehr viel Trinkgeld. Und schrieb mit letzter Kraft eine SMS an A., den Anwalt: “WARUM?”
Erschienen im WIENER Nr.344 / April 2010









Userkommentare