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“Interaktivität erfüllt die Versprechungen der Moderne und der Erleuchtung”: Christa Sommerer über Interfaces und Kunst

Mit der rasanten Entwicklung allgegenwärtiger Telekommunikationstechnologien nimmt die Interfacetechnologie immer mehr Einfluss auf unser Leben. Von der Gesichtserkennung, Fingerabdruckauswertung bis hin zum Nacktscanner und der Vorratsdatenspeicherung, unser Leben wird immer mehr messbar und damit auch kontrollierbar. Die Reaktion von Meinungsmachern in Politik, Feuilleton und Boulevard sind hinlänglich bekannt. Im Rahmen des Ernst Mach Forums ergriff Christa Sommerer das Wort für die KünstlerInnen-Perspektive. Ihre Positionsbestimmung hat sie freundlicher Weise dem WIENER zur Verfügung gestellt.

Dr. Christa Sommerer, Professor for Interface Culture Institute for Media University of Art and Design / Linz: “Statement für das Ernst Mach Forum in der Akademie der Wissenschaften in Wien am 28.4.2010″

cc by eSel.at

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Mit der rasanten Entwicklung mobiler Telekommunikations-Technologien, ubiquitärer und verteilter Computersysteme, intelligenter Räume sowie tragbarer und versteckter Sensorik, nimmt die Interfacetechnologie immer mehr Einfluss auf unser Leben. Von der Gesichtserkennung, Fingerabdruckauswertung bis hin zum Nacktscanner und der Vorratsdatenspeicherung, unser Leben wird immer mehr messbar und damit auch kontrollierbar. Soziale Netze und der daraus entstehende soziale Druck beeinflussen verstärkt unseren Tagesablauf und unsere Kommunikationsformen.

KünstlerInnen beschäftigten sich schon seit den 1960er Jahren mit Kommunikation und sozialer Interaktion. Sie untersuchten kritisch wie z.B. das Film und Fernsehen unsere Leben veränderte und welche neuen Formen der Interaktion und auch Machtstrukturen dadurch entstanden[1]. Künstlergruppen wie etwa Ant Farm [2] thematisieren die zunehmende Kommerzialisierung durch das Fernsehen, z.B. in der Performance “Media Burn” von 1975 wo ein umgebauter Cadillac in eine Wand brennender Fernsehgeräte rast (zu sehen derzeit als Dokumentation in der ausgezeichneten Ausstellung Changing Channels – Kunst und Fernsehen1963-1987 im Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig in Wien). Zahlreiche KünstlerInnen der 1960er Jahre, wie etwa Yoko Ono, Peter Weibel und Valie Export, experimentierten mit partizipatorischen Systemen, wo die BesucherInnen als TeilnehmerInnen des Kunstwerkes dies massgeblich mitbeeinflussen konnten.

Auch heute sind KünstlerInnen gefragt sich mit der verstärkten Technisierung und Überwachbarkeit unsere Welt auseinanderzusetzen. Im Bereich der Medienkunst und speziell der interaktiven Kunst untersuchen KünstlerInnen seit Jahren wie Interfacetechnologien sich auf unsere Leben auswirken, welche sozialen Interaktionsformen daraus entstehen und wie dies künstlerisch dargestellt und umgewandelt werden kann. Von interaktiven Installationen, zu tragbarer Mode, von künstlerischen Spielen bis hin zu interaktiven Räumen und Oberflächen, das Spektrum des Einsatzgebietes von interaktiven Gestaltungsmöglichkeiten scheint schier unerschöpflich. [3,4]

Im Jahr 2001 meinte Lev Manovich, ein bekannter Medientheoretiker, in seinem Buch „The Language of New Media,“ [5] dass sich eine neue Sprache des Kulturellen Interface entwickeln wird, so wie die Sprache des Kinos vor etwa 100 Jahren entstand. Heute gestalten KünstlerInnen z.B. interaktive Szenarios wo durch das Berühren echter Pflanzen künstliche Pflanzen an Projektionsflächen wachsen, wo medienarchäologische Geräte wie Schreibmaschinen oder alte Radiogräte durch interaktive Technologien neu adaptiert werden, wo interaktive Kleidung verwendet wird um dadaistische Tonlandschaften und Performances zu kreieren, Installationen wo Gehirnstrommessungen als Kontroller für ein Ping-Pongspiel fungieren, wo neuartige taktile und multimodale Musikinstrumente gestaltet werden, Filmsequenzen durch das Interagieren mit verschiedenen Schnittstellen neu zusammengesetzt werden, telematische Arbeiten Raum und Zeitverbindungen auflösen oder Arbeiten die die ständig steigende Überwachung durch ubiquitäre Sensorsysteme thematisieren [6].

Wir leben in einer Welt der ständigen Erreichbarkeit, der ständig verfügbaren Informationen und des konstanten Reagieren-müssens. Die Geschwindigkeit mit der Aktionen und Reaktionen vom Individuum gefordert werden nimmt stetig zu und die in der Moderne begonnene Beschleunigung unseres Lebens durch technische Hilfsmittel erreicht immer neue Höhepunkte. Die soziale und gesellschaftliche Revolution die diese neuen Interfaces und neuen Kommunikationsformen hervorrufen, verlangen also eine dringende künstlerisch kritische Auseinandersetzung, um diese Technologien auch emotional verdaubar zu machen und um uns die Chance zu geben sich diesen neuen Anforderungen zu stellen.

Gijs van Oonen, ein dänischer Medienphilosoph, konstatiert dass die neuen technologischen Prozesse sich auch physisch auf unsere Körper auswirken, er nennt dies die „Interactive Metal Fatique“ [7]. Er bezieht sich dabei auch auf Walter Benjamin der schon vor Jahren konstatierte dass mit der Beschleunigung auch ein Verlust an Konzentration einhergeht (die Erfahrung wird zum Erlebnis).

Die in der industriellen Revolution begonnene und in den 1960er Jahren weitergeführten Beschleunigungstendenzen werden in den 1990er Jahren technisch ausgebaut und Hochgeschwindigkeitsinteraktivität wird nun die allgemeine Norm. Auch durch die neuen partizipatorischen Systeme und Sozialen Netwerke, wie etwa Twitter oder Facebook, ergeben sich weitere Phasenverschiebungen: nun kann jeder seine Meinung demokratisch kundtun oder durch soziale-kreative Softwares auch selbst zum potenziellen Co-Produzenten werden. Weibel sagt: „Im Zeitalter des Youtube.com, Flickr.com, MySpace.com, and Second Life verlieren KünstlerInnen ihr Monopol auf Kreativität. Durch neueste Medien kann heute jeder künstlerisch kreativ sein.“ [8]

Interaktivität erfüllt damit die Versprechungen der Moderne und der Erleuchtung, da Emanizipation, Partizipation und Aktion als generelle Prinzipien von sozialer Anerkennung und Verantwortung gehandelt werden. Der Preis dieser Befreiung ist laut Gijs van Oonen jedoch ein „Overburdening of the Senses“, also eine Sensorielle Überforderung, da wir nicht mehr Herr alle dieser komplexen Entscheidungen und Konsequenzen sein können. Dadurch dass der Mensch die von ihm geschätzten Ideale nach Emanzipation, Meinungsäusserung und konstanter Beteiligung erfüllen möchte, dies jedoch aufgrund der geforderten Geschwindigkeit und ansteigenden Fülle zeitlich nicht mehr schafft, ergibt sich laut Gijs van Oonen eine Tendenz des Resignierens und der „Interactive Metal Fatique.“ „Too much of a good thing becomes bad for us,“ sagt Gijs van Oonen. Oder wie Hartmund Rosa schreibt, die Modernität ist charakterisiert durch die Veränderungen der Zeitstruktur, wo Bewegung, Geschwindigkeit und Effizient zu vorangingen Qualitäten werden (Ausschöpfungsgrad).

Wo stehen jedoch hier die KünstlerInnen ? Auf der einen Seite leben wir in einer Welt die es uns erlaubt diese neue Interaktionsformen entscheidend mitzugestalten und mitzuprägen, auf der anderen Seite muss eine kritische Auseinandersetzung mit den neuen Kommunikationsformen und dem Einmarsch der Sensortechnologie in unser tägliches Leben mit einer gewissen Distanz und einem künstlerischen Blick begegnet werden. Auch die derzeit vorherrschenden Ideale von Effizienz und maximaler Geschwindigkeit verlangen eine kritische künstlerische Durchleuchtung.

Das Gehirn ist ein sozial formbares Organ, eine erfahrungsgesteuerte Gefühls- und Wertezentrale mit rationaler Teilkontrolle. Es verarbeitet ständig Sinnenswahrnehmungen und ist als ultimatives Interfaces für unser soziales Handeln verantwortlich. Als KünstlerInnen entscheiden wir mit, welche Formen der Sinnenswahrnehmungen wir anbieten und hoffen auf den Austausch und den Feeback unseres Publikums. Im Sinne der Memetheorie von Blackmoore [9] und Dawkins, geben wir Kunstmeme weiter und hoffen dass diese weitreichend kopiert werden und das einen oder andere neue kulturelle Meme erzeugen.

Referenzen:

  1. Matthias Michalka (ed.), Changing Channels, Art and Television 1963-1987, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien, 2010
  2. i.d. p.215 ff.
  3. Christa Sommerer, Laurent Mignonneau, Dorothée King (eds.) Interface Cultures- Artistic Aspects of Interaction, August 2008, Transcript Verlag
  4. Christa Sommerer, Lakhmi C. Jain, Laurent Mignonneau,(Eds.) The Art and Science of Interface and Interaction Design, 2008. Springer Verlag, XIV, 190 p. 69 illus. Hardcover, Studies in Computational Intelligence, Volume 141
  5. Lev Manovich, The Language of New Media (Cambridge, MA: The MIT Press, 2001) 93.
  6. Interface Cultures Lab an der Kunstuniversität Linz, http://www.interface.ufg.ac.at und Sommerer&Mignonneau’s Webseite: http://www.interface.ufg.ac.at/christa-laurent/index.html
  7. Gijs van Oenen, Interactieve metaalmoeheid. In: Filosofie & Praktijk, 30/1, 2009, 5-18
  8. Peter Weibel, YOU_niverse, exhibition catalogue, Sevilla: Bienal de Arte Contemporaneo de Sevilla,, Fundacionbiacs, 2008, pp. 16-26
  9. Susan Blackmore, Die Macht der Meme. Die Evolution von Kultur und Geist,” Spektrum Akademischer Verlag.

Radiotipp: Die Diskussion “Media Brain” im Rahmen des Ernst Mach Forums ist heute abend auch auf Ö1 zu hören: “Dimensionen”, 19.06h

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