WIENER
Bühne

Ein HOCH der neuen KULTUR

WIENER, Ausgabe 345 / Mai 2010

WIENER, Ausgabe 345 / Mai 2010

Man kann eine Menge Ideen zu den Aufgaben und dem sozialen Stellenwert des Theaters haben. Claus Peymann, heutzutage Intendant des Berliner Ensembles und so etwas wie der Großvater aller kontroversen Bühnenschlachten, wünscht es sich in die Mitte der Gesellschaft und beklagt, dass es,  unpolitisch und ohne große Themen, derzeit nur am Rand derselben dümple. Stefanie Carp dagegen, die Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen, findet diesen Platz gar nicht so übel und mahnt die Intendanten deutscher Bühnen, dort ganz bewusst die Rolle des Künstlers und Intellektuellen zu geben und sich nicht auf das vulgäre Vokabular der Machtorientierten einzulassen. Beiden kann man applaudieren, wenn die Stimmung danach ist.

Wo man sie in ihrer Bedeutung auch suchen mag, die Bretter, die die Welt bedeuten – ein eigener Kompass ist zur Orientierung sichtlich unabdingbar. Wir beim WIENER haben auch einen, den wir Ihnen gerne zur Verfügung stellen. Er zeigt in Richtung Vergnügen, Originalität und Leidenschaft – also jener Facetten der Lebendigkeit, die in der Herzkammer wohnen und dort leider viel zu oft schlafen.

Wenn Sie der Kompassnadel beim Gang durch die Seiten dieser Ausgabe folgen, entdecken Sie den aufregenden Bühnenautor Holger Schober, die große österreichische Nachwuchshoffnung seiner Zunft, der exklusiv für den WIENER das Dramolett „Tränen aus Blut“ verfasste, das wir (ab Seite 52) mit Volkstheater-Star Katharina Straßer in der weiblichen Hauptrolle welturaufführen; den Bühnenverlag „gleichzeit“, den vier junge Theater-Enthusiasten buchstäblich mit Nichts aus dem Hut zauberten und damit eine 50 Jahre lang klaffende Lücke in der österreichischen Verlagslandschaft füllten (ab Seite 42); Edith Draxl, die Mutter Courage aller Autorentalente (ab Seite 46).

Ab Seite 32 liefern die renommiertesten Kritiker ihren Befund zur Theaterszene und das ist jedenfalls ein professioneller Maßstab. Und der Leiter des Schauspielhauses, Andreas Beck,erklärt den Theater-Alltag (ab Seite 38).

Man könnte sagen, wir haben die Wiener Festwochen (zu denen es auf Seite 30 ebenfalls einen aufregenden Beitrag gibt) nicht nur ernst genommen, sondern einfach um ein paar Wochen vorverlegt. Wir hatten keine Geduld mehr. Denn es ist auch im gemeinen Medientheater höchste Zeit, Nestroy zu hören und dessen Anspruch an alles Schaffen Genüge zu tun: Das Interregnum der Langeweile beenden – und den Geist wieder auf den Thron setzen. Tun Sie sich den Gefallen, knien Sie mit uns vor ihm nieder, das junge österreichische Theater ist dafür ein würdiger Palast.

Herzlichst,

Helfried Bauer, Chefredakteur

P.S. Wundern Sie sich nicht, dass so mancher WIENER-Autor in der einen oder anderen Story als aktiver Theater-Mensch auftaucht: Der WIENER schreibt nicht nur über das Theater-Geschehen, er lebt es.

Erschienen als Editorial im WIENER Ausgabe 345 / Mai 2010

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Tuesday, 07.02.2012, 10:57 Uhr

Autorenprofil Helfried Bauer

Helfried Bauer
Geboren 1966, 1991 Aufnahme der journalistischen Tätigkeit, in der Folge leitende Funktionen bei Hubert Burda- und Heinrich Bauer Verlag an unterschiedlichen Standorten in Deutschland, seit 2007-2011 bei Styria Multi Media in Wien, zuletzt Chefredakteur des Monatsmagazins WIENER. (Foto: © Martin Kröß)

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