Die wahre Revolution

by Martin Kröß on 09/02/10 at 1:44 pm

Für die meisten Kritiker ist es nur ein überdimensionales iPhone. Wieviel im neuen iPad aber wirklich steckt und warum es eine neue Ära der Computer einleiten wird – Martin Kröß hat sich für den WIENER schlau gemacht.

"His Steveness" bei der lang erwarteten Apple Keynote

"His Steveness" bei der lang erwarteten Apple Keynote

Der Aktienkurs steigt, die Glasfaserkabeln glühen. Es wird getwittert, gebloggt und gedruckt. Die Gerüchte überschlagen sich, der Puls der Medien steigt. Die Schlagzeilen verkünden die Ankunft des „Heiligen Grals“ der Technik und fantasieren über die eierlegende Wollmilchsau unter den Computern. Wie schon drei Jahre zuvor, bei der Vorstellung des iPhones, wächst der Hype ins Unermessliche bis Steve Jobs schließlich die Bühne betritt.

Es geht ein Raunen durch das Publikum, als der Konzernchef von Apple das Gerät unter einem schwarzen Tuch hervorzaubert – schließlich der erlösende Applaus. Ein biblischer Vergleich drängt sich auf. Wie Moses, der die Steintafeln mit den 10 Geboten seiner Gefolgschaft präsentiert, hält Jobs das iPad in die Kameras dieser Welt.

Anschließend stürmen die Journalisten vor Ort die Präsentationshallen um das neue iPad in Händen halten zu können. Sie testen, drehen und wenden es. Sie surfen, spielen, tippen und etwas seltsames passiert. Stimmen der Entäuschung werden hörbar, die ersten Berichte, Tweets und Blogs sprechen von Enttäuschung. Die beschworene Revolution scheint abgeblasen. Doch eine Revolutionen kündigen sich nicht immer mit Pauken und Trompeten an, sondern verläuft oft schleichend und im Verborgenen.

Oberflächlich betrachtet wirkt das iPad wie ein großes iPhone inklusive Hometaste, 10 Zoll Touchscreen, Kopfhöreranschluss, Lautstärkenregelung und angebissener Apfel auf der Aluminium Rückseite.

Der Tablet PC verfügt über Internetzugang via WiFi und Mobilfunk. Es beherrscht Internet, E-Mails, Photos, Videos, Musik, E-Books und Spiele aus dem FF. Inhalte lassen sich auf das iPad übertragen oder direkt über den iTunes Store via Internet herunterladen.

Im Inneren schlummert ein brandneuer Chip aus dem Hause Apple. Das iPad ist durch ihn wesentlich schneller als das iPhone 3GS. Inhalte laden unmittelbar und die Funktionen reagieren im Sekundenbruchteil. Der Akku hält außerdem 10 Stunden im Betrieb und einen ganzen Monat im Standby. Damit übertrifft es jeden Laptop bei Weitem.

Der heilige Gral: Kaum ein Produkt wurde in der Branche so sehnsüchtig erwartet wie das iPad von Apple.Dennoch sind die Kritiken harsch. Es gäbe keine physische Tastatur, kein auswechselbarer Akku, kein USB Anschluss und keine eingebaute Kamera. Deja-Vu? Dem iPhone erging es vor 3 Jahren genauso und heute ist es das erfolgreichste Handy am Markt. Dieser Fehler schein sich beim iPad zu wiederholen, denn die meisten Kritiker übersehen dabei die wahre Revolution, die im iPad steckt. Das Konzept des Computers und wie wir ihn benutzen steht an einem entscheidenden Wendepunkt und ist im Begriff sich neu zu erfinden.

Über die letzten 20 Jahre hatte sich das Konzept des Computers nicht wesentlich verändert. Die grafische Oberfläche, Eingaben via Tastatur und Maus, Ordner und Dateien. All diese Elemente bestimmen unseren Umgang mit Computern. Der Umfang und die Komplexität hat jedoch mit der Zeit zugenommen. Es müssen Programme und Treiber installiert sowie Einstellungen vorgenommen. PC’s stürzen ab, Funktionen verweigern ihren Dienst, Daten gehen verloren. Dabei sollten sie die Arbeit des Menschen erleichtern, schlicht dafür sorgen, das unser Alltag effizienter wird.

Computer sollten mehr wie Haushaltsgeräte sein. Einfach zu bedienen. Wer einen Tee kochen will sollte nicht wissen müssen, wie man einen Wasserkocher zusammenbaut. Der Mehrheit der Menschen braucht Computer um im Internet surfen zu können oder E-Mails zu versenden. Sie wollen ihre Photos Verwandten zeigen und Videos ansehen und nicht mit komplizierter Technik beschäftigen müssen und sollte es auch nicht.

ipad-photoDas iPad ist ein erster Schritt hin zu einem neuen Konzept um Computer einfacher und damit effizienter zu machen. Von der 60 jährigen Großmutter bis zum 4 jährigen Schulkind kann jeder damit umgehen – ohne Vorkenntnisse und ohne mühsam erworbenes Wissen. Die Bedienung erfolgt mit den Fingern. Von Treibern und langwierigen Installationen keine Spur. Ordner und Dateien treten in den Hintergrund und machen Platz für Inhalte wie etwa Photos, Videos oder Musik. Das Chaos verschwindet. Schluss mit vielen offenen Fenstern und Programmen, die sich ein und ausblenden lassen, Taskleisten und komplizierten Funktionen. Einfach und intuitiv.

Zu einfach für diejenigen, die es gewohnt sind, an ihren Kisten herumzuschrauben und mit antrainierten Wissen ihren PC im Zaum zu halten. Aber für diese Minderheit ist das iPad auch nicht gedacht, sondern für die Mehrheit – für die, die sich damit nicht herumschlagen wollen. Es ist kein Ersatz für den PC, sondern eine neue Art von PC. Einer für den Durchschnittsuser, der für seine Anwendung sorgenfrei und allzeitbereit zur Verfügung steht. Einfach zu bedienen und für 90 Prozent aller Aufgaben hinreichend gerüstet.

Der Computer als professionelles Arbeitsgerät, etwa zum Bearbeiten von Fotos und Grafik, erstellen von Videos und Aufnahme von Musik, wird nicht untergehen, aber seine Bedeutung für die Masse wird schwinden. Es ist ein Schritt weg von der heute selbstverständlichen Annahme, dass Technik nunmal kompliziert sei und ein Bekenntnis dazu, das Technik unser aller Leben einfacher machen sollte. Hier liegt die wahre Revolution.

DIE FAKTEN:
Ab April in Österreich
Das Ipad wird als WiFi oder WiFi+3G Modell erhältlich sein mit einer Festplattengröße von 16, 32 oder 64 GB. Die Mobilnetzpartner und Preise stehen im Moment noch nicht fest.
www.apple.at/ipad

Erscheint im WIENER Nr.343 / Februar 2010

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