Christoph Waltz und der Oscar
Christoph Waltz (53) ist der Hero der Stunde – und alle, alle wollen Sie plötzlich von seinem Erfolg naschen, sogar die Laienspieltruppe der österreichischen Innenpolitik: Kulturministerin Claudia Schmied etwa, die sein Talent schon dem „Reichtum der österreichischen Filmwirtschaft“ zuzählte; oder Bundeskanzler Faymann, der einen Waltz-Oscar schon lange vor dessen Vergabe als „Ansporn für alle österreichischen Kulturschaffenden“ am Horizont glitzern sah, weil Waltz-Lobhudeln seit dessen Golden Globe-Triumph in der „Krone“ zitabel war. Man kann sich ausmalen, was der geborene Wiener Waltz für derlei Erfolgsschmarotzerei übrig hätte: ein zynisches Grinsen mit leicht gespitzten Lippen und sanft hochgezogen Augenbrauen.
Neo-Patrioten mit Hang zur Heiligenverehrung mag das schmerzen, aber Christoph Waltz hat mit seiner Heimat nur noch wenig am Hut. Man muss lange in den Archiven wühlen, um auf Berichte zu stoßen, in denen er sie überhaupt eines Wortes würdigt. Wie 1998, in einem Gespräch mit der deutschen Fimzeitschrift „Cinema“: „Der echte Wiener“, befand er da, „ist aus Schleim gemeißelt. Wenn er einem rechts die Hand gibt, hat er hinterm Rücken das Messer versteckt.“ Soviel zur Heimattreue des Christoph Waltz. Ließe sich irgendwo eine Prise abhängiger Liebe im gepflegten Hass entdecken, könnte man seine Österreich-Beziehung vielleicht auf Thomas Bernhard’schem Niveau ansiedeln, aber danach sucht man in seinen Interviews vergeblich. Wenn es sie geben sollte, so spricht er nicht darüber. Wie über so vieles.
Wann immer man als Journalist versucht, Christoph Waltz in Gespräche zu locken, die nichts mit seiner Arbeit zu tun haben, holt man sich eine blutige Nase beim Abprall an der ihn umgebenden Mauer aus kühler Arroganz und beißender Intelligenz. „Auf private Fragen reagiert er, als habe man ihm eine Handvoll Ameisen in den Nacken gestreut“, erzählt eine bekannte deutsche Filmjournalistin, die deshalb schon ihr Fett wegbekam, „wirklich offen erlebt man ihn nur, wenn es um die Schauspielerei geht.“
Bühne und Filmset bedeuten eben schlicht alles für Christoph Waltz, nicht mehr und nicht weniger. „Arbeit spielt eine wesentlich größere Rolle in unserem Leben als nur Geld zu verdienen“, philosophierte er einmal, „Arbeit ist das, was man macht mit seinem Leben. Und meine Arbeit muss sich für mein Leben lohnen, nicht nur löhnen.“ Damit erübrigt sich auch jede Frage nach seinem Zuhause. „Immer da, wo mich die Arbeit hintreibt“, lautet die logische Antwort – bis auf weiteres also Hollywood, Los Angeles. Unter anderem. Denn Waltz arbeitet auch in London und in Berlin, wo seine derzeitige Lebensgefährtin, Judith Holste, mit der gemeinsamen Tochter (7) lebt. Ja, das klingt verwirrend.
Wer also ist dieser Mann, der jetzt Vollbart trägt, weil er nach seinem Epochal-Erfolg in „Inglourious Basterds“ schon in der nächsten Hollywood-Produktion Sigmund Freud verkörpert? Wer war er, ehe er für die großen US-Studios über Nacht zum heißen Blockbuster-Tip wurde, ohne seinen Ruf als grandioser Charakterdarsteller einzubüßen? Spurensuche:
Aufgewachsen in einer Wiener Künstlerfamilie – von den Urgroßeltern an waren alle am Theater, als Schauspieler, Bühnenbildner, der Stiefvater ist Komponist. Theaterluft umgibt den kleinen Christoph von morgens bis abends, Große wie Attila Hörbiger, Paula Wessely, Käthe Gold oder Regisseur Fritz Kortner gehen bei ihm zu Hause ein und aus. Das prägt.
Er macht die Aufnahmsprüfung am Max Reinhard Seminar, schreibt sich für klassischen Gesang an der Musikhochschule ein. Ein halbes Jahr, denn „länger braucht man nicht, um das zu lernen“, wie seine Großmutter ihm einbläut. Offenbar hat sie recht: Mit 19 debütiert Christoph am Züricher Schauspielhaus furios als „Amadeus“. Mit 20 geht er für zwei Jahre ans Lee Strasberg Institut nach New York, das schon Superstars wie Robert de Niro oder Harvey Keitel geformt hat; er lernt seine Ehefrau kennen, die Amerikanerin Jackie, Psychotherapeutin, die damals in einer Modern Dance Company tanzt. Mit 24 wird er zum ersten Mal Vater.
Ein US-Regisseur, der sein Talent erkennt, rät ihm zur Rückkehr nach Europa. „Oder wollen Sie hier ewig durch den Hintergrund laufen und ,Heil Hitler!’ brüllen?“, fragt er den jungen Schauspieler. Das will Waltz damals nicht, schon gar nicht im Hintergrund. Also geht die Familie nach London, zwei weitere Kinder folgen – aber die Ehe zerbricht nach knapp zwei Jahrzehnten.
Das alles ist das alte, das private Leben des Christoph Waltz. Das schwarze Loch in seiner Biografie, das er seit Jahren mit beharrlichem Schweigen füllt. Nur eines ist gesichert: Mittelpunkt seines Lebens war – die Arbeit. Ein bisschen zu zwanghaft vielleicht. Ein wenig zu getrieben. „Ich behaupte, dass der Entschluss, Schauspieler zu werden, auf einer psychischen Entwicklungsstörung beruht“, erklärte Christoph Waltz vor Jahren in entwaffnender Offenheit. „Irgendwo gibt es da etwa, das ein normales, geregeltes Leben unmöglich macht und sich als Ersatzhandlung von der Schauspielerei Erlösung erhofft.“
Wovon will Christoph Waltz erlöst werden? Über 30 Jahre spielen, spielen, spielen liegen hinter ihm. Nicht wenige zweitklassige Bücher, die er im Alleingang zu Meisterwerken hochspielte. Er war berührend als Roy Black („Die Roy Black Story“, 1996) , eiskalt als Oetker-Entführer Dieter Cilov („Der Tanz mit dem Teufel“, 1994) und verstörend als so ziemlich jeder Psychopaten-Typ, den Film und Bühne hervor bringen.
Der Oscar? Für Christoph Waltz kaum mehr als ein üppige Uferpflanze, die er staunend betrachtet, während er im Fluss seines Lebens daran vorbei treibt. Was sein Können betrifft, konnte der schon vor der Oscar-Nominierung kaum noch mehr erreichen. Seine Bandbreite war längst am Maximum dessen angelangt, was ein Schauspieler leisten kann – um nichts anderes ist es Christoph Waltz je gegangen.
Tarantinos SS-Offizier Landa, so etwas wie kultivierte Bestialität auf zwei Beinen, war zweifellos sein Meisterstück, mit oder ohne Auszeichnung. Vielleicht war er auch die Erlösung. „Quentin, du hast mir meine Berufung zurück gegeben“, sagte Christoph Waltz zu Tarantino, als er den Golden Globe in Händen hielt. Da wirkte er einen Wimpernschlag lang entspannt, erlöst eben – wie der auf das Wesentliche reduzierte Mann, der Christoph Waltz immer sein wollte.
Wie er sich beschreiben würde, fragte ihn einmal ein Journalist, nachdem er sich gerade eine Zigarre angezündet hatte. Christoph Waltz nahm sich Zeit darüber nachzudenken. Dann antworte er: „Rauchend. Und wenn die Zigarre am Ende ist, nicht rauchend.“ Damit ist alles gesagt.
Links:
Christoph Waltz in der IMDB
Wikipedia
Official Flickr Stream












…Faymann – nicht Feymann!!!
merci, schon korrigiert :)
und schmied und nicht schmidt!
wir crowd-sourcen das lektorat an die community.
das hat was :))
hiermit korrigiert.
[...] ist wieder da: Christoph Waltz, spätestens seit dem Oscar österreichisches Lieblings-Exportschlager (und schnieker WIENER-Coverboy im März), meldet sich [...]