Grenzen setzen: Die Lehre aus der Krise
by Harald Havas on 03/12/09 at 8:36 pm
Ist die Krise vorbei, sind wir noch mittendrin oder stehen wir doch erst am Anfang?
Nun, es war eine wirklich schwere und gefährliche Krise mit Ausgangspunkt auf der Finanzseite. Mit einer Reihe von Ursachen wie Fehlentwicklungen im Bankenbereich durch mangelnde Regulierung. Das hat bis zur Gefahr einer Funktionsunfähigkeit des ganzen Bankwesens geführt. Durch einen Massiveinsatz der Notenbanken und der Finanzpolitik ist es gelungen, diese gefährliche Situation zu überwinden. Die Finanzkrise dürfte heute überstanden sein. Die Krise hat sich aber in den realwirtschaftlichen Sektor verlagert, mit einem weltweiten Rückgang des Wirtschaftswachstums. Da dürfte jetzt aber auch der Tiefpunkt erreicht sein, und wir stehen nun am Beginn eines – sehr langsamen – Aufschwungs. Das heißt, dass etwa Arbeitslosigkeit und Budgetdefizite noch weiter steigen werden. Das Ärgste dürfte jedoch überstanden sein, aber bis zu einer kompletten Normalisierung wird es noch einige Zeit dauern.
Was meinten Sie mit gefährlicher Situation?
Eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren.
Damals haben Notenbanken und Finanzwesen falsch reagiert und massenweise Bankenzusammenbrüche zugelassen. Das hat zu einem massiven Einbruch der Wirtschaft und zu Massenarbeitslosigkeit geführt. Im aktuellen Krisenfall war das Grundthema aller Finanzpolitiker jenes, dass wir eine Krise wie in den 1930er Jahren um jeden Fall verhindern müssen.
Das ist auch gelungen. Insofern war das vergangene Jahr eines der wenigen Beispiele, wo die Wirtschaftspolitik aus der Vergangenheit gelernt hat.
Aber hat sie wirklich gelernt? Es sieht so aus, als würde man jetzt einfach weitermachen wie vorher.
Ich glaube, die Wirtschaftspolitik hat gelernt.
Ob die Banker gelernt haben, das wird sich erst zeigen. Wobei man nicht zu sehr auf einen Lernprozess der Banker vertrauen sollte, sondern es braucht eine bessere, umfassendere Regulierung.
Kann die Politik oder können Regierungen das überhaupt? Oder sind die nicht alle sowieso in der Geiselhaft der Konzerne und Großunternehmen?
Natürlich gibt es Lobbys. Aber es wäre zu pessimistisch gedacht, dass wir wirklich nur mehr fremdgesteuert wären. Es gibt auch schon konkrete Vorschläge für neue Regulierungen, für bessere Aufsichtsverfahren. Aber das sind natürlich alles mühsame Prozesse. Wir werden als Ergebnis keine perfekte Welt haben, aber doch eine bessere.
Im letzten WIENER meinte Kurt Rothschild, man könne durchaus auch radikalere Dinge andenken. Wie die Rückkehr zu reinen Regionalbanken, das Verstaatlichen von Banken…
Das sind interessante Gedanken. Aber ich halte sie ehrlich gesagt nicht für sehr realistisch. In der Krise ist es ja auch tatsächlich zum Teil zu massiven Verstaatlichungen gekommen, gerade auch in den USA. Aber das ist kein Dauerinstrument, es ist ein Kriseninstrument. Auf Dauer wären starke Regulierungsmechanismen wichtiger.
Es scheint derzeit so, wenn Institutionen schlechter funktionieren, wenn sie sich zu sehr vom Staat abkoppeln, siehe ÖBB .
Ist in der letzten Zeit vielleicht zu stark privatisiert worden?
Es gibt in der wirtschaftshistorischen Welt in Sachen Verstaatlichung Wellenbewegungen. In den letzten Jahren war die Tendenz zur Deregulierung und Privatisierung in manchen Bereichen überzogen. Gerade im Bankensektor. Je nachdem hat sich die Bankenkrise in den einzelnen Ländern durchaus unterschiedlich ausgewirkt.
Die USA hatten als Folge einer massiven Deregulierungspolitik, die verbunden war mit ideologischen Vorstellungen, eine massive Krise. Schon das Nachbarland Kanada hat eine wesentlich stärkere Regulierungspolitik und eine wesentlich geringere Krise erlebt. Diese Dinge sind nicht quasi wie Naturgewalten, sondern haben schon zu tun mit wirtschaftspolitischer Gestaltung.
War das alles wirklich so unvorhersehbar? Es gab doch immer wieder Warner etwa aus Nicht-Regierungsorganisationen, zum Beispiel Attac… Haben die, die es wissen hätten sollen, es nicht gewusst?
Es hat warnende Stimmen gegeben, dass sich hier Ungleichgewichte und Blasen entwickeln. Der Punkt war eben der, welche Schlussfolgerungen ziehe ich daraus. Gerade in einem sehr profitgesteuerten System, wie dem amerikanischen Bankensystem, hat natürlich die Tendenz bestanden es quasi zu weit zu treiben. Der damalige Generaldirektor der Citibank Charles Prince sagte: Solange die Musik spielt, muss man tanzen. Das hat sich als Fehler erwiesen. Sein Argument war, hätte ich es nicht gemacht, wären meine Gewinne geringer gewesen und meine Aktionäre hätten mich verjagt. Das Problem war daher, dass überzogene Gewinnerwartungen das Handeln der Manager bestimmten. Das ist sicherlich eine der Lehren, die wir aus dieser Krise ziehen müssen.
Hilft diese Krise dem scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch von neuen Wirtschaftsmächten wie China?
Asien hat sich aktuell sicherlich sehr viel besser geschlagen und hat daher einen Wettbewerbsvorteil, und der wird auch genutzt. Es gibt einen unübersehbaren Bedeutungszuwachs der ostasiatischen Staaten, auch einen entsprechenden Zuwachs an Selbstbewusstsein. Von den zehn größten Banken der Welt sind vier bereits chinesische Banken. Da ist schon ein Strukturwandel unterwegs, den wir in den einzelnen Auswirkungen wahrscheinlich derzeit noch gar nicht abschätzen können.
War die Krise in Österreich so stark wie in anderen Ländern? Oder hat man sich mehr zu Tode gefürchtet?
Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen haben uns vergleichsweise weniger getroffen. Die österreichischen Banken waren nicht so stark in sogenannte „toxic assets” engagiert, waren aber natürlich betroffen von den allgemeinen Auswirkungen. Hier haben wir als Notenbank massiv und rasch reagiert und de facto eine Zeit lang den
Geldmarkt ersetzt und die Banken gestützt. Dadurch hat in Österreich kein einziger Sparer auch nur einen Euro verloren. Für Österreich war es auch von enormem Vorteil, dass wir Mitglied der Eurozone sind. Weil wir damit nicht Opfer spekulativer Attacken sein können. Gerade jetzt hat sich gezeigt, dass selbst Staaten, die eine gesunde Wirtschaftspolitik betreiben, wie zum Beispiel Dänemark oder Schweden, auch massiven Attacken ausgesetzt waren und letztlich auch unterstützt werden
mussten. Hier hat sich für Österreich als kleines Land der Euro als Schutzschild enorm bewährt.
Werden diese ganzen undurchsichtigen Finanzmodelle wieder aufblühen?
Es gibt immer eine Art Spiel zwischen Regulatoren und sehr findigen und gut bezahlten Investmentbankern, die neue Modelle entwickeln. Unser Weg wird jener sein, zu erzwingen, dass, je komplexer und je schwieriger solche Modelle sind, eine umso höhere Kapitalhinterlegung erforderlich ist. Damit es nicht mehr möglich ist bei geringem Eigenkapital große Räder zu drehen.
Wer bezahlt die Krise? Sollte das nicht die Finanzwirtschaft tun, etwa durch Tranksaktionssteuern anstelle im Nachhinein den unschuldigen Steuerzahler zu belasten, um die Defizite auszugleichen?
Hätte man nicht interveniert, wäre es eine Weltwirtschaftskrise geworden, die alle mitgerissen hätte. Daher lautet die Frage eher: Wer zahlt für die Krisenvermeidung? Denn die war im Interesse aller. Wir sehen in allen Staaten, dass als Folge der Krise die Staatsdefizite massiv hinaufgehen. Das ist in der Krise auch notwendig, aber nicht als Dauerzustand. Die Fragen nach dem Bezahlen für die Krise wird dann eintreten, wenn es darum geht, diese Budgetdefizite abzubauen. Und da geht’s letztendlich um die Entscheidung, inwieweit man das über die Ausgabenseite, bzw. inwieweit man das über die Eingabenseite macht.
Was soll ein normaler Sparer oder auch Anleger tun? Gold kaufen? Sparbücher anlegen? Oder trotzdem wieder am Aktienmarkt oder in andere Formen investieren?
Es steht mir nicht zu, als Notenbankgouverneur Anlagetipps zu geben. Allerdings habe ich eine sehr klare Meinung, dass die Inflationsfurcht, die von manchen genährt wird, zumindest im Euro-Raum nicht berechtigt ist. Die Zielsetzung der europäischen Zentralbank ist breite Stabilität.
Wo legen Sie selbst Ihr Geld an?
Ich bin vor kurzem erfreulicherweise Großvater geworden und habe meiner Familie beim Erwerb einer Wohnung geholfen. Das ist die schönste Geldanlage, die man sich überlegen kann.
Sie haben einen bekannt wechselvollen Werdegang, vom Universitäts- bis zum Bankensektor und politischem Engagement. Sie konnten die Wirtschaft von ganz verschiedenen Seiten sehen und mitgestalten. Was war am interessantesten?
Man muss Unterscheiden zwischen Spaß und interessant. Persönlich am wohlsten habe ich mich immer in meiner Arbeit als Wissenschafter gefühlt. Am interessantesten ist sicherlich die Aufgabe, die ich jetzt hier habe. Es natürlich schon faszinierend, eine solche makroökonomische Herausforderung hautnah zu erleben. Insbesondere, weil ich ja eben nicht nur Gouverneur der Österreichischen Nationalbank bin, sondern in dieser Funktion auch Mitglied des Rates der Europäischen Zentralbank und daher in einem der wichtigsten geldpolitischen Entscheidungsgremien der Welt mitwirken kann. Das ist schon eine sehr faszinierende Aufgabe. Es ist zwar nicht so, dass ich unbedingt das Abenteuer suche, aber wenn es kommt, bin ich bereit, mich damit auseinanderzusetzen.
Die BAWAG-Aufgabe war ja sicher auch nicht unspannend.
Ja. Aber auch da habe ich die Spannung nicht gesucht, aber man kann es sich nicht immer aussuchen.
Es gibt ja immer wieder Leute, die sagen, das mit dem Geldmarkt kann überhaupt nie wirklich gut funktionieren. Kehren wir doch zurück zum Tauschhandel.
Das sind zwar liebenswerte Ideen, aber sie sind meines Erachtens völlig unrealistisch und auch nicht wünschenswert. Geschichtlich gesehen sind Hochkulturen immer mit entwickelten Geldmärkten verbunden. Nur durch den Geldmarkt ist eine arbeitsteilige Wirtschaft in größerem Maße möglich. Ich würde sagen, Geldmärkte sind ein wichtiger Teil der Kulturleistung, aber sie müssen eben kontrolliert werden.
Ihre Funktion läuft bis 2013. Planen Sie darüber hinaus Gouverneur zu bleiben? Oder gibt es andere politische oder sonstige Funktionen, die Sie noch anstreben würden?
Historischgesehen haben Notenbanker eine erfreulich hohe Lebenserwartung. Aber wie ich das nutze, dafür habe ich noch Zeit zu überlegen. Aber Ich fühle mich jetzt hier sehr wohl und zähle im internationalen Vergleich eher zu den jüngeren Zentralbankern.
DIE FAKTEN
Univ.-Prof. Dr. Ewald Nowotny, 65, geboren in Wien, verheiratet, ein Sohn, ist seit September 2008 Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank. Davor war er (unter anderem) Generaldirektor der BAWAG P.S.K.-Gruppe, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat und Vorsitzender des Finanzausschusses, ordentlicher Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien sowie deren Vizerektor.



Letzte Kommentare