#unibrennt revisited: Die Media-Revolution
Er brachte den Uni-Protest ins Netz und damit in unsere Hirne. Blogger Luca Hammer im WIENER-Interview über die unaufhaltbare digitale Revolution.
Revolutionen werden ganz wesentlich von Medien geprägt – besser gesagt: Sie prägen ihre eigenen Medien. Im revolutionären Frankreich der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert waren das Papierzeitungen, die sich zwischen Sturm auf die Bastille und Napoleon sprunghaft entwickelten, ihre Erscheinungsweise von monatlich auf wöchentlich umstellten (den Speed der Nachrichtenvermittlung also vervielfachten), mit neuen Ausdrucksformen der Bildpublizistik wie Vignetten und Karikaturen verschmolzen und so ein informationsoptimiertes Mashup verschiedener Stilmittel bildeten.
Seither ist viel Zeit vergangen, und man kann alles über die französische Mutter aller Schlachten um Freiheit und Bürgerrechte online auf Wikipedia nachlesen, ohne Geld dafür bezahlen zu müssen.
Damit wären wir auch schon bei der Revolution des 21. Jahrhunderts. Die hat sich nicht damit begnügt, Medien zu prägen – sie hat das Medium Web gleich ganz zur Revolution gemacht. Und jetzt frisst sie zusammen mit ihren Kindern alle Großväter aus Wirtschaft, Kultur und alten Medien, die sich ihr in den Weg stellen.
Seit einiger Zeit nennt sich die Revolution Studentenprotest – und knabbert sogar die Politik an. Mit nichts weiter als Twitter, Facebook und ein paar spezialisierten Infrastruktur-Anbietern im digitalen Raum, die kein Geld verlangen für das, was sie anbieten: Datenmanagement und Speichervolumen. Mehr braucht es offenbar nicht, um Informationen annähernd in Echtzeit an ihr Zielpublikum zu bringen, in Dialog mit relevanten Massen an Bürgern zu treten und soziale Wellenbewegungen zu erzeugen.
Das lässt viele erstmal schaudern, wie es Neuerungen oft so an sich haben. In ein paar Jahrzehnten, wenn sich die Gänsehaut wieder gelegt hat, wird man vielleicht entspannt erklärende Beiträge und Links dazu auf Wikipedia finden. Der WIENER hat für die Zeit dazwischen schon mal den jungen Mann ausfindig gemacht, der dem Studentenprotest in Österreich die ersten Weichen gestellt hat: Luca Hammer (21), Blogger, Student der Publizistik und Initiator des schon legendären Video-Livestreams aus dem Wiener Audimax, der innerhalb weniger Stunden zur Nachrichtenquelle Nr. 1 für Tausende wurde, die authentische Informationen zu den Geschehnissen der Hochschulrevolte 2009 suchten.
Das Interview (Anm.: wienerpost veröffentlichte vor kurzem das Videointerview zu #unibrennt, die Printversion lesen Sie hier.)
Wie bist du zur Protestbewegung gekommen?
Über Twitter habe ich von der Audimax-Besetzung erfahren und bin am nächsten Tag hin.
Es wurde geraucht, getrunken, laute Musik gemacht – ich war ziemlich enttäuscht. Dann habe ich selbst getwittert, Fotos gemacht und online gestellt – und einen ersten Livestream mit dem Handy verbreitet.
Der Protest hat sich dann rapide entwickelt...
Im ersten Plenum hab ich dann begriffen, was der Protest will. Mittlerweile waren Arbeitsgruppen eingerichtet – es gab Kampfredner, die zu radikal waren, aber es war auch viel Gutes dabei. Das habe ich wieder getwittert und sehr schnell gemerkt, dass die Leute mitgehen und großes Interesse zeigen. So bin ich am nächsten Tag mit Kamera und Laptop wiedergekommen und habe einen richtigen Livestream angefangen, mit einer eigenen Site.
Innerhalb weniger Minuten hatten wir mehrere hundert Zuseher und über Twitter hat es sich wahnsinnig schnell verbreitet. Am selben Abend gab es dann ständig an die 1000 Zuseher, die den Video-Stream vom Plenum verfolgt haben. Ich war selbst überrascht, wie viele Leute das interessiert hat. Damals hat es ja in den klassischen Medien noch kaum Berichte darüber gegeben.
Livestream, Twitter, Facebook – auch eure Website war blitzschnell da…
Ich hab mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag an den Laptop gesetzt und die Vorgaben der Arbeitsgruppe Website umgesetzt. Ein Uni-Institut hat uns einen Server zur Verfügung gestellt, irgendeiner hat die URL gekauft – das war’s.
unsereuni.at ist jetzt sozusagen das Zentralorgan des Protests. Wer gibt eigentlich die Inhalte frei, die dort veröffentlicht werden?
Grundsätzlich steht das allen offen. Es gibt eine Arbeitsgruppe Presse und eine Arbeitsgruppe IT, die haben je einen Administratoren-Account, mit dem sie neue User hinzufügen können. Derzeit sind ca. 260 User-Accounts angemeldet, von denen um die 100 schreiben. Dadurch bekommt man viel mehr Informationen, die viel schneller nach außen gehen. Wir machen es wie Wikipedia: Schlechte oder falsche Inhalte hören zwar nicht auf zu existieren, aber sie gehen unter, weil sie durch die Masse korrigiert werden.
Was macht für dich den medialen Erfolg des Protestes aus?
Die Vielzahl an Säulen, auf denen er steht. Es geht darum, alle, die mitmachen zu informieren über das, was passiert. Und diese Informationen gehen selbstverständlich auch nach außen. Man könnte es gleichzeitig als PR bezeichnen. Es werden ja auch Presseaussendungen online gestellt oder Solidaritätserklärungen. Es ist die Kombination aus Kommunikation und Organisation. Und die komplette Sache ist transparent – das ist ganz wichtig. Es ist sozusagen öffentliches Lobbying, Menschen zuammenzubringen und zugleich dafür zu sorgen, dass es nach außen dringt.
Kann man euch abdrehen?
Da es keine Hierarchie gibt, ist es schwer, der Schlange den Kopf abzuschlagen. Natürlich könnte man die Websites abdrehen, aber dann gäbe es immer noch studiVZ, Facebook, twitter. Da kommt man nicht so einfach dran. Selbst wenn – wir wären sofort auf einer anderen Plattform. Das ist der Vorteil unserer Flexibilität.
Was ist deine persönliche Meinung zum Protest?
Meine persönliche Meinung – ich glaube nicht, dass man die Bewegung so einfach stoppen kann. Auch das Audimax als physischer Ort spielt keine so große Rolle. Ich hoffe, dass die Bewegung nicht mehr auf diesen Raum fixiert ist, sondern dass sie als solche lebt und stark genug vernetzt bleibt, um unabhängig davon aktivierbar zu sein – dass sie durch spontane Besetzungen zusammentrifft, dass sie breiter wird, nicht nur auf Studenten beschränkt bleibt und letzten Endes das ganze politische System verändert.
Das Video zum Interview findet sich hier.
Feedback und Kommentare auf Twitter bitte taggen: #WIENER342/054
#UNIBRENNT ONLINE IN ZAHLEN:
- Unsereuni.at Website: Über 1 Million Zugriffe, CMS: WordPress, Dedicated Server (3 verschiedene Server über die Zeit)
- Unsereuni-Wiki: 842 Seiten
- Facebook & studiVZ: ebenfalls je etwa 1 Million Zugriffe
- Twitter: 66.000 Tweets (potentiell 21 Millionen Menschen erreicht) – Eine genaue Analyse dazu gibt es bei Gerald Bäck bzw. Max Kossatz
DER LIVESTREAM:
- Verwendeter Streaming-Dienst: Ustream.com
- Der unibrennt-Livestream wurde – hochgerechnet – bereits 33 Jahre lang abgerufen.
- Archivierte Aufnahmen: 229
- Maximale gleichzeitige Zugriffe: 3000 Zuschauer
- Gesamt-Sendezeit: 21 Tage, 41 Minuten, 36 Sekunden
Weiterlesen?
- Luca beschreibt auf seinem Blog recht eindrucksvoll seine Erlebnisse mit #unibrennt: “#unsereuni und das Social Web”
- Kristina Pilz / Michael Reimon: “#unibrennt – Über die Organisation und interne Kommunikation der Studierendenproteste im Herbst 2009″











[...] Video: Dominik Gubi Interview: Helfried Bauer Die Printversion des Interviews können Sie hier lesen. DIE FAKTEN: Luca Hammer (21) ist Blogger, Strategieberater und Autor. Er studiert Publizistik- und [...]