Web für alle
Das österreichische E-Government Gesetz kennt keine faulen Kompromisse: Freier Zugang zur Information muss ausnahmslos für alle Gruppen der Bevölkerung ermöglicht werden. Die Realität sieht freilich anders aus.

Foto: Anton Porsche / pixelio.de
Accessible Media. Das klingt wie eins dieser ach-so-coolen Buzzwörter, welche die Werbebranche gern im Mund führt. Ist es aber nicht. Vielmehr geht es darum, Grundrechte durchzusetzen: Das Recht auf Information zum Beispiel. Und das Recht auf Chancengleichheit.
„So wichtig es wäre, jede Gehsteigkante abzuschrägen, so wichtig ist es auch, dass Information, unabhängig von den körperlichen oder technischen Gegebenheiten zugänglich ist“ sagt Alexandra Steiner. Als Webdesignerin, die selber im Rollstuhl sitzt, hat sie sich auf Barrierefreiheit im Netz spezialisiert. Wo im Netz Barrieren sind? Für das Auge kaum erkennbar. Für Ausgabegeräte allerdings schon. So verwenden etwa blinde User einen Screenreader, der ihnen Inhalte von Webseiten vorliest. Das Gerät interessiert sich nicht für das schicke Design, sondern ausschließlich für den Quellcode, aus dem eine Seite gestrickt ist. Dafür ist es unumgänglich, dass dieser Quellcode sauber geschrieben wurde. Programmiertechnische Schnitzer und „Grammatikfehler“ in der Hypertext Markup Language wird ein sehender User nie merken. Und jeder, der schon einmal eine Website selbst gepfuscht hat, ist heilfroh, wenn ihm niemand in den zugehörigen Quellcode schaut.
Tja, bad news. Ein Screenreader schaut da sehr wohl. Und leider bringt ihn jede Schlamperei dazu, zu stolpern und unbrauchbare Informationen auszuspucken. Folgerichtig liest das Gerät entweder das wirre Durcheinander des Codes vor – oder im schlimmsten Fall einfach gar nichts, womit im Handumdrehen eine ganze Bevölkerungsgruppe vom Konsum der Website ausgeschlossen ist. Steiner: „Das mag noch angehen, wenn es sich um einen privaten Webauftritt handelt. Geschäfte und Dienstleister sollten aber noch einmal drüber nachdenken, ob sie wirklich auf ein ganzes Kundensegment verzichten wollen.” Zumal – das sei hier nur am Rande erwähnt - auch alte Browser vor Quellcode-Schwampf kapitulieren: Wer mit Internet Explorer 6 unterwegs ist, ist de facto auch ein behinderter User, dem viele Seiten verwehrt bleiben.
Schon Kleinigkeiten könnten die Situation verbessern. Etwa, wenn man jedem Bild eine (nur hinter den Kulissen, im sogenannten Backend sichtbare) Beschreibung beifügt, damit ein Screenreader die Bilder lesen kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass auch blinde Menschen das Foto „Urlaub mit Wuffi in Böheimkirchen“ genießen können. Vielmehr sind Bedienungselemente auf Webseiten oft in Bilddateien versteckt. Beispiel gefällig? Hübsch gemalte Pfeile mit Vorwärts/Rückwärts Funktion, die eben nicht Text, sondern graphisches Element sind und die Navigation für Screenreader unmöglich machen. Bilder sind für ihn einfach nicht dechiffrierbar, die Seite in Folge nicht nutzbar für blinde Menschen.
Für Google übrigens auch nicht. „Google ist der bekannteste blinde User“, sagt Markus Ladstätter, IT-Fachmann eines Behindertenberatungszentrums. Suchmaschinen lieben barrierefreie Seiten – alle anderen kapieren sie nämlich nicht gut. Conclusio: Wer „Suchmaschinenoptimierung“ sagt, sollte auch „Accessibility“ sagen.
Okay, kapiert. Sauber arbeiten. Das kommt ohnehin jedem Nutzer, jeder Suchanfrage zugute. Was aber sollte darüber hinaus bei einer barrierefreien Webseite beachtet werden? Tabellen (in HTML) und wenn möglich auch Flash sind NO-GOs.
- Markus Ladstätter (27), IT-Manager des Behindertenberatungszentrum BIZEPS, setzt sich ein für Webstandards und Barrierefreiheit im Internet, Studium der Medieninformatik an der TU Wien http://www.bizeps.or.at/
- Alexandra Steiner (35), geboren in der Steiermark, arbeitet als selbstständige Webdesignerin und Spezialistin für Accessibility in Wien http://www.alexandra-steiner.at









[...] Der Annual Blue Beanie Day wurde vor drei Jahren von Jeffrey Zeldman ins Leben gerufen – als Zeichen für Webstandards und Barrierefreiheit im Internet (siehe auch WIENER, Printausgabe Nr. 341 bzw. hier) [...]
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@WIENER_Tweet auf “Web für alle” verlinke ich gerne noch einmal :) http://www.wiener-online.at/2009/11/web-fur-alle/ #webaccessibility