Sound of Silence

by Helfried Bauer on 11/11/09 at 10:58 pm

wiener_tweetDie letzten Wochen haben zu sehr bewegenden Momenten in unserer Redaktion geführt. Zu Ergriffenheit über eine Neuentdeckung, die unseren Berufsstand in seinen Grundfesten anrührt, und das ist keine Übertreibung. Wir haben den Zauber des Schweigens entdeckt, was für Journalisten nach traditioneller Auffassung naturgemäß einige Fußangeln birgt.Aber in der Berichterstattung über die Studentenproteste dieses angenehm warmen, jedenfalls geschichtsträchtigen Herbstes 2009 konnte man nichts Besseres tun, und gegen das vergleichsweise trantütige Geschnatter, das darüber in alten Medien zu vernehmen war, waren die Tweets auf Twitter, die selbstorganisierte Online-Berichterstattung auf www.unsereuni.at, der Livestream aus dem besetzen Audimax und die blitzartig wuchernde Facebook-Community der Unterstützer und Sympathisanten ein Stück aufgeklärter und aufklärender Informationsvermittlung zum Niederknien. Offen und transparent wie der Quellcode des Linux-Kernels und die Schnittstellen einer Open-Source-Applikation. Kollaborativ und von permanenter Selbstüberprüfung und Fehlerbehebung getragen wie Wikipedia. Dabei schnell wie Bits beim Speed Race auf dem Glasfaser-Highway.

Wir können das nicht besser und schon gar nicht schneller. Das Ehrbarste, was Journalisten tun können, ist, nicht zu stören, wenn der Audimaxismus für sich selbst spricht. Weil er das derart machtvoll tat, schwoll er zu dem an, was er ist. Ohne Anschubhilfe einer Partei oder einer Zeitung. Zur Verwirrung nicht nur der Regierenden, sondern auch der völlig überrumpelten Studentenvertretung ÖH. Mit sich stetig anschleichender Sympathie und Solidarität von so ziemlich jedem, den neoliberaler Umverteilungsungeist und globalisiertes Raubrittertum allmählich erbrechen lassen.

Vielleicht noch ein paar Klarstellungen, damit sie am Ende nicht womöglich einmal zu wenig irgendwo gestanden haben: Es gab in den Geburtsstunden der Bewegung nicht einmal im Ansatz Krawalle, es gab Arbeitsgruppen für gewaltfreie Kommunikation; es gab keine Party-Müllhalden in den Hörsälen, es gab selbstorganisierte Putztrupps und Spendensammlungen für das wegen der Proteste über Normalmaß belastete Reinigungspersonal der Universität; es gab keinen Vandalismus – vereinzelte Graffitis an den Wänden wurden von Freiwilligen in Eigeninitiative (und ziemlicher Mühsal) wieder entfernt. Es gab noch unendlich viel mehr: Kriseninterventionsteams. Bis zur totalen Übermüdung geduldige Basisdemokratie mit all ihren Nebenwirkungen. Arbeitsgruppen zu so ziemlich jedem Krisenthema unserer Zeit. Man könnte sagen: eine Generation hat sich in Klausur begeben, um ihre Standpunkte, ihre Perspektiven und ihre Gefühle für die Gesellschaft, die sie umgibt, zu klären. En passant hat sie dabei ihren ersten Umverteilungserfolg gelandet:
34 Millionen Euro, sozusagen aus der Handkasse des in die Enge getriebenen Wissenschaftsministers Gio Hahn. Natürlich, ein Tropfen auf den heißen Stein, gemessen an den Forderungen und wohl auch Erfordernissen. Aber vergessen wir nicht: Die Bewegung begann mit ein paar Handvoll Studenten vor der Wiener Votivkirche, und die 34 Millionen wurden ihnen schon nach einer Woche gönnerhaft zugesteckt – das lässt Potenzial vermuten.

Was Sie nun dazu tun sollen? Das gleiche wie wir. Lernen Sie die lebendige, wache Schwester des Schweigens kennen: das Zuhören. Lassen Sie den Audimaxismus arbeiten und beobachten Sie ihn. Warmherzig. Respektvoll. Wachsam für jene Momente, in denen er ihre Unterstützung brauchen könnte.

Davon, wie das geht und wie es sich anfühlt, können wir hier bestenfalls eine Geschmacksprobe geben. Riechen Sie wenigstens einmal an der Trüffel-Mühle: Wir haben ein paar Original-Tweets für Sie über die unteren Seitenränder dieser Ausgabe gerieben. Immerhin lesen Sie sich auf Qualitätspapier immer noch leichter als auf schlecht auflösenden Computer-Monitoren.

Das ist unser Gruß aus dem Walhall der toten Bäume. Hier sitzen wir und prosten den Audimaxisten zu; die unter uns, die jenseits der 40 sind, erkennen etwas wieder; das Match scheint immer noch das gleiche, aber ihr habt die Regeln verändert – und das Spiel dadurch um ein paar Quantensprünge verbessert.

Noch ein Nachsatz in eigener Sache: Ein schmerzhaft verkrusteter Chefredakteur nannte mit der Bewegung sympathisierende Politiker und Journalisten in seinem Blog „Studentenschleimer“ und gab seinem immer wieder gerne dahin gezwitscherten Leerwort vom Qualitätsjournalismus damit eine erstaunliche Fülle: Sektenhafte Ignoranz sei zelebriert, solange aus der alten, schrumpfenden Karawane noch ein allerletzter mitblökt.

Damit über unsere Positionsbestimmungen erst gar keine Missverständnisse aufkommen: Solange wir willkommen sind, schleimen wir mit. Was wir sonst noch können und mitmachen werden, wird sich finden. Und wenn wir nur zu ein paar der immer wieder stattfindenden Partys kommen, hat es sich schon gelohnt. Dann war es – bei aller Friedlichkeit, Rücksichtnahme und Konstruktivität – eben doch auch ein heißer Herbst 2009. Heiß wie Samba.

Helfried Bauer (Chefredakteur), Editorial, erschienen im WIENER, Printausgabe Nr.341/Dez.09

Link: Infos über die WIENER Tweet-Aktion

Kommentieren auf Twitter? Bitte taggen #WIENER341/008.

2 Responses to “Sound of Silence”

  1. Babs Henn

    Nov 30th, 2009
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    zum niederknien, das editorial! ich fühle es ganz genauso. danke für die wahrnehmung des wesentlichen. danke für die fabelhafte formulierung.
    ich war ende oktober im audimax und habe die studentInnen als – im besten wortsinn – unaufgeregt und *unbestechlich* erlebt. ihre kraft kommt aus der ruhe. und die bewegung zieht kreise. das beste, was der gesellschaft JETZT passieren konnte. die studentenbewegung bringt den paradigmenwechsel endlich in schwung!
    *sound of silence* wird aus der stille immer lauter werden. yeaahh!!
    herzliche grüße nach wien,
    babs henn

  2. Jutta Knur

    Nov 30th, 2009
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    Ja! Macht die Stille unüberhörbar!

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