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Die Menschmaschine und der #wolo09

Der “Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“wurde gestern Abend erstmals vergeben.

Der lang erwartete und heiß diskutierte #wolo09, sprich: der “Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“, wurde gestern Abend im Lilarum Figurentheater überreicht.

Die hochkarätige Fachjury, bestehend aus

  • Jana Herwig, Medienwissenschaftlerin
  • Manfred Bruckner, Wissensmanager, Inhouse GmbH der Wirtschaftskammern Österreich
  • Ingrid Brodnig, Journalistin/Falter
  • Thomas Thurner, Quartier für digitale Kultur

musste sich zwischen realitätsfremden Leitartiklern, angeblichen Basisdemokratlern und auch sonst allerlei denkwürdigen Meinungen entscheiden.

Letztlich ging die wenig begehrte Trophäe an die Wiener Grünen “für ihre missglückte politische Kommunikation im Netz und das Verpassen einer einmaligen Chance” und Christoph Chorherr besaß ausreichend Größe und Selbstironie, die kreischbunte Scheußlichkeit (sorry, monochrom!) auch tatsächlich entgegen zu nehmen.

Dass die Jury-Entscheidung gerecht, nein, eine zwingende Notwendigkeit war, steht für mich außer Frage. Jeder, der/die in den vergangenen Monaten die Vorwahl-Diskussion (bzw. die mangelnde Bereitschaft zu einer solchen) miterlebt hat, wird das begrüßen. Wer darüber hinaus noch eine Begründung braucht, kann bei Max Kossatz jene der Jury nachlesen.

Aber es zahlt sich auch aus, einen Blick auf die Nominierungsliste zu werfen, auf jene Anwerter des #wolo09, die gerade noch einmal Glück hatten. Zum Beispiel die Theaterproduktion “Menschmaschine”, mit der am 1. September 2009 die Saison im Rabenhof eröffnet wurde.

Gröbchens Brainchild. Ein “bunter Abend 2.0″ hätte das werden sollen. Ich war dort. Ich weiß noch genau, wie schlecht es war. Und sollte ich es je vergessen, so kann ich es in meinen eigenen verzweifelten Tweets nachlesen. Es war – da gibt es nichts zu beschönigen – ein epischer “facepalm moment” – vereinzelte Highlights ausgenommen: Forcher etwa. Der ist ja immer eines. Und seine Filmeinspielungen haben den Preis der Eintrittskarte gerechtfertigt. (Abgesehen davon, dass ich nichts bezahlen musste…)

Dann war da noch die Skype-Lifeschaltung in die Ukraine, wo Los Colorados für das Rabenhofpublikum aufgeigten. (Dringende Youtube Empfehlung!) Aber wie gesagt: Die Highlights waren rar, das krampfige Gefühl in der Magengegend omnipräsent.

Aber: Nominiert für den #wolo09?

“3. Nominierung: der Bühnenabend “Menschmaschine” im Rabenhof in der Kategorie fehlgeleitetes Infotainment für die Leistung, das Web 2.0 auf die Formel “Beidlwitze” zu reduzieren.”

Kann ich nicht nachvollziehen. Finde ich auch nicht gerecht.

Beidelwitze hin oder her. Die Menschmaschine war ein Versuch. Kein geglückter, aber immerhin ein ambitionierter und – ich denke für die Beteiligten auf beiden Seiten der Rampe ein sehr lehrreicher, der nach Abklingen des Protestgezwitschers auch viel Reflexion nach sich gezogen hat. Wäre dem nicht so, so sei den Menschmaschinlern der #wolo09 von Herzen vergönnt.

Aber das Web nährt sich von lebendigem Beta. Vom Auf-die-Nase-fallen und noch einmal versuchen. Gerade die #wolo09-Jury müsste das wissen und honorieren.

“Sagen wir so: der Ausgangspunkt (ev. ein Nullpunkt) ist gegeben, ab sofort wird die Maschine mit Inhalten, Feedback, Kritik gefüttert, um sich von der Stelle zu bewegen. Wenn nicht, darf man sie in wenigen Monaten getrost als Fehlkonstruktion bezeichnen.”

schrieb Gröbchen noch am selben Abend auf Facebook (beschloss infolge aber dennoch, “bußfertig zur neunschwänzigen Katze” zu greifen)

Und Michel Reimon, pointiert wie von ihm zu erwarten, quittierte:

Kasteiung ist gar nicht angebracht – wenn irgendein Publikum damit umgehen kann, dass der erste Wurf noch nicht perfekt war, dann ja wohl die Nerds.
Also: patchen. nochmal machen. patchen. nochmal machen. patchen…

Und Gratulation dazu, dass du es überhaupt angepackt hast. Das muss auch mal gesagt werden.

Und? Können die Nerds damit umgehen? Ja oder nein? Wie ist es bestellt um die hochgelobte Ambiguitätstoleranz?

Beim #wolo09 hat sich eine Jury voller Nerds von ein paar lauen Beidelwitzen den Blick auf die Grundsätze der eigenen Netzkultur verdecken lassen. Eine Jury, die es echt besser könnte (und das in den anderen Nominierungen ja auch eindeutig bewiesen hat)

Dafür hätte sie fast einen #wolo verdient… Gibt’s schon Einreichungen für nächstes Jahr?

(Foto: ©Karola Riegler / Johannes Grenzfurthner)

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Userkommentare

4 Kommentare zu diesem Artikel | Kommentar schreiben
  • 15. November 2009 von Walter Gröbchen:

    Holla!, eine feinsinnige Verteidigungsrede.Allzuviel versprochen hatten wir ja nicht im Vorfeld – siehe http://alturl.com/b7xq. Und wir gingen in uns. Das dauert noch. Danke aber für dies & das, WG

  • 15. November 2009 von digiom (Jana Herwig):

    Danke, dieser Beitrag ist doch ein Zeugnis davon, welche Reputation und Entscheidungsgewalt dem #wolo09 bereits im Jahre 1 zugesprochen wird. Nächstes Jahr wird man die Entscheidung der Jury wohl in der Süddeutschen zerpflücken.

  • 15. November 2009 von nic_ko:

    Daran besteht kein Zweifel. Der heise newsticker heute war erst der Anfang…

  • 16. November 2009 von johannes / monochrom:

    Die “die kreischbunte Scheußlichkeit” habe ich im zarten Alter von sieben Jahren gezwungenermassen in der Volksschule erstellt. Es ist ein Aschenbecher.

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