Die rote Erleuchtung
by Harald Havas on 08/10/09 at 1:44 am

Seit drei Jahren meditiert die Arbeitsgruppe „Red Buddha“ in der SP-Zentrale in der Löblstraße. Ihr Ziel: sozialer Fortschritt und mehr Weisheit für die Politik.
Diese Story ist die vielleicht größte Sensation des Jahres: Der Austro-Sozialismus, traditionellerweise auf dem dunklen Irrweg des Atheismus unterwegs, öffnet sich für das Göttliche! Allerdings verlassen die frei gewordenen roten Geister den Boden katholischer Tradition und fliegen in fernöstlichere Kultur-Gefilde: „Red Buddha“ heißt die SP-Arbeitsgruppe, die von den Genossen Heinz Vettermann und Michael Eisenriegler gegründet wurde. Und in der nicht zuletzt für einen grundsätzlichen Wandel in der Politik meditiert wird – denn das machen Buddhisten, klassisches Beten und Kerzerlanzünden ist ihre Sache nicht. Im WIENER erklären die beiden spirituellen Vorreiter, wie der Sozi-Buddhismus zustande kam – und wohin er führen soll.
Wie kam es zur Gründung von „Red Buddha“?
Michael Eisenriegler: Angefangen hat es vor drei Jahren damit,
dass wir festgestellt haben, dass wir einerseits Buddhisten sind und andererseits in der Wolle gefärbte Sozialdemokraten. Wir haben uns gefragt, was wir damit anstellen können, ein wenig recherchiert und entdeckt, dass das Thema Buddhismus und Politik ein interessantes aber weitgehend unbeackertes Feld ist. Also haben wir eine Arbeitsgruppe der Wiener Bildungsorganisation der SPÖ beantragt, die auch genehmigt wurde.
Manche Leute bezeichnen Buddhismus als Religion, andere als Philosophie… Wie ordnet ihr euch da ein?
Heinz Vettermann: Diese Frage nach Religion oder Philosophie
gibt es nur bei uns im Westen, weil wir hier streng monotheistisch denken, wenn wir über Religionen sprechen. Christentum, Islam, mit Einschränkungen Judentum bedeuten je ein Gott, eine Wahrheit. Taoismus und Buddhismus kennen keinen Schöpfergott und setzen mehr auf eigene Erfahrung, sind aber dennoch Religionen – weil es Antworten gibt.“
ME: Man könnte sagen, Buddhismus ist eine Philosophie, die man auch als Religion betreiben kann. Persönlich habe ich alles gemacht, was hierzulande formal notwendig ist. Ich habe die Mitgliedschaft bei der „Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft“ und bin vor dem österreichischen
Recht Buddhist.
Und was hat das alles jetzt mit Sozialismus zu tun?
HV : Eigentlich noch nichts, aber der Buddhismus hat hilfreiche
Ideen, um den Kampf für eine bessere Welt auch erfolgreich führen zu können. Weil es darum geht, dass man sieht, dass man zum einen die Gesellschaft ändern sollte, zum anderen aber auch sich selbst. In einfachen Worten: der Kampf gegen die Gier, das Loslassen einer rein materiellen
Sicht. Was auch innerhalb einer politischen Partei gut ist, weil es etwa vor Korruptionsanfälligkeit bewahrt. Wir arbeiten in zwei Richtungen. Wir sagen innerhalb der Buddhisten, dass es sicher nicht genug ist, sich in irgendein
Kloster zu setzen und das eigene Heil zu erreichen; und innerhalb der Sozialdemokraten, dass es schon gut ist, gewerkschaftlich zu kämpfen und für alle was herausholen zu wollen ? es geht aber auch darum, an sich selber zu arbeiten.
ME: Diese Verbindung von Buddhismus und Sozialdemokratie ist nicht zwingend, aber es passt einfach sehr gut, es ist eine fruchtbare Verbindung. Es gibt auch Lehrreden des Buddhas, wo er sich selber sehr deutlich zu sozialen Problemen äußert. Nicht sehr viele unter den 84.000 Lehrreden, aber es gibt ein paar…
Eine optische Frage: Ist es eigentlich Zufall, dass ihr beide schwarze T-Shirts anhabt?
ME:Der Heinz ist Zen-Buddhist, und bei den Zen-Buddhisten ist es eher die
Tracht…Ich bin bei einer tibetischen Gruppe, die würden eher Rot oder Orange bevorzugen, aber nachdem ich kein Mönch bin und schon seit 20 Jahren schwarz trage…“ (lacht)
HV : Es stimmt, dass im Zen schwarz, dunkelblau oder grau bevorzugt wird. Es soll nicht zu bunt werden, damit sich beim meditieren alle konzentrieren
können. Bei mir ist es aber eher ein Überbleibsel aus einer existentialistischen Jugendphase.
Wie verläuft der Alltag eines sozialdemokratischen Buddhisten?
Steht ihr in der Früh auf und betet zweimal zu Buddha und dann zweimal zu Marx?
ME: Weder das eine noch das andere… (lacht)
HV : Nein, aber ich versuche schon, täglich zu meditieren. Und ich investiere Zeit und Kraft in diese Richtung, rede darüber. Es bleibt eben nicht
im Privaten.
ME: Wir haben auch gemerkt, dass es in der Sozialdemokratie und ihrem Dunstkreis offensichtlich ein großes Bedürfnis gibt, etwas über Buddhismus
zu erfahren. Heinz hat vor langer Zeit einmal eine Exkursion „Buddhismus in Wien“ angekündigt, eine dreistündige Bustour zu buddhistischen Plätzen in Wien, und da hatten wir 200 Anmeldungen! Diese Exkursionen haben
mittlerweile zehn, fünfzehn Mal stattgefunden, jedes Mal mit 30 bis 70 Leuten. Nachdem die Sozialdemokratie traditionell ja nicht religiös ist, Menschen ab 40 aber üblicherweise dennoch anfangen, sich die letzten Fragen zu stellen, ist es auch ein interessantes Angebot für Leute, die spirituelle Antworten wollen, ohne gleich die ganze Schöpfungsgeschichte mit einkaufen zu müssen. Andererseits sind wir für die Buddhisten ein interessanter Anknüpfungspunkt in Richtung Politik. Das heißt, wir erfüllen
auch eine Art Übersetzungsfunktion.
Wie viele Menschen kommen zu den Treffen – und was passiert da?
ME: Zu den Arbeitsgruppentreffen, normalerweise zwei Mal im Monat, kommen so zwischen 10 und 15 Leute. Typischerweise beginnen wir mit einer kurzen Meditation zur Einstimmung. Dann gibt es immer ein Thema pro Abend, das in ein, zwei Vorträgen abgehandelt wird und eine anschließende Diskussion. Und dann gehen wir in sozialdemokratischer Manier ins Wirtshaus.
Gelegentlich haben wir auch größere Veranstaltungen, da kommen dann zwischen 30 und 100 Leute.
HV : Wir sind nicht sehr expansiv eingestellt. In unserem Kulturkreis
denkt man bei Religion immer an Missionierung. Das macht der Buddhismus nicht, er bietet sich nur an. Man muss sich schon aktiv dafür interessieren. Wenn man einen Lehrer will, muss man dem nachlaufen und ihn überzeugen, dass er einen akzeptiert.
ME: Was wir schon versuchen, ist zu kooperieren. Zum Beispiel haben
wir mit dem sozialdemokratischen Wirtschaftsverband gemeinsam ein Seminar gemacht zum Thema „Buddhismus und Wirtschaft“, mit einem sehr hochrangigen buddhistischen Unternehmensberater. Eine sehr spannende
Geschichte. Wir haben auch einen Artikel, „Buddha, Marx und die Krise“ für das „Glocalist Magazine“ geschrieben, wo wir versucht haben die Wirtschaftskrise einmal aus buddhistischer Sicht zu sezieren.
Weil wir schon bei den Heiligen sind: Was hätte Kreisky über euch gesagt?
ME: Schwer zu sagen. Ich glaube, er hätte milde gelächelt.
Und was sagt Michael Häupl zu euch?
ME: Das weiß ich nicht, aber in der Wiener SPÖ gibt es freundliches Interesse
an unseren Aktivitäten.
HV : Vizebürgermeisterin Renate Brauner hat uns sogar einmal aus dem Urlaub eine rote Buddha-Statue mitgebracht…
(Bild: ©Red Buddha)
Die Fakten
Buddha und die Sozialisten
Heinz Vettermann, 52, ist Abgeordneter zum Wiener
Landtag und Mitglied des Gemeinderates der Stadt Wien, er ist
u.a. Vorsitzender des Vereines der Wiener Jugendzentren und
der SPÖ-Josefstadt. Daneben Tätigkeiten als Trainer und Coach
in den Bereichen Kommunikation, Motivation und Meditation.Michael Eisenriegler, 45, ist Mitbegründer der ersten
österreichischen Online-Community Blackbox (seit 1992,
www.blackbox.net), Geschäftsführender Gesellschafter von
„MediaClan“ (Gesellschaft für Online-Medien), Proponent und
Vorstandsmitglied der IS PA (Internet Service Provider
Austria), Lektor an der Uni-Wien und Mitglied des Vorstands
der Österreichisch-Mongolischen Gesellschaft OTSCHIR .


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