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Genuss

Der Whiskey-Revoluzzer

Nicht viele Leute wissen, dass es Whiskey made in Austria gibt. Und noch weniger, dass der verdammt gut schmecken kann. Wie ein Besuch in Kukmirn im Südburgenland ergeben hat.

(Fotos: courtesy of Lagler)

(Fotos: courtesy of Lagler)

Die Übertreibung ist Kurt Laglers Sache nicht. Im Gegenteil erst langsam muss man aus dem bescheidenen Herren über Länder, Gastronomie und Brände die Informationen herauskitzeln, die sich nach und nach zu einem immer sensationelleren Puzzle zusammenfügen. Hier ein paar der Schlagworte, die Lagler in seinem Mini-Qualitätsimperium so peinlich vermeidet: auf dem Weg zum Bio-Whiskey, weltweit einzigartige Vakuum-Brennverfahren, Vulkan-Wasser, kompromisslose Regionalverbundenheit, geschlossene Kreisläufe, ökologische Nachhaltigkeit und Preise über Preise über Preise.

Kurt Lagler betreibt eine Spezialitätenbrennerei und ein Wellnesshotel in Kukmirn im Südburgenland. Das „Schnapsbrennmonopol“ stammt noch aus der Zeit von Maria-Theresia. Gebrannt wird am Hof seit 1853, derzeit arbeiten vier Generationen der Familie im Betrieb. 24 Qualitätsbrände aus heimischen Obstsorten werden hergestellt, dazu Liköre, insgesamt 50 Produkte, und räumen wie die Brennerei selbst Jahr für Jahr international Preise ab. Darunter bislang über 200 Goldmedaillen. Dazu kommen noch Aufnahmen der Gastronomie in einschlägige Qualitätsführer. Und eben der Whiskey…

Einschub: Whiskey aus Österreich. Ja, es gibt ihn. Und, nein, er ist keineswegs eine Lachnummer. An die 15 Whiskey-Sorten aus einem Dutzend Brennereien haben bereits „Destillata“-Medaillen errungen. Und mindestens drei heimische Produkte beziehungsweise Produktionsstätten bieten ganz Besonderes. Seit 1995 etwa schon die Whiskey-Palette der Familie Haider aus dem Waldviertler Roggenreith, die um ihre Produktion eine noch immer wachsende „Whiskey-Erlebniswelt“ aufgebaut hat. Oder der Single-Malt der auch sonst für höchste Qualität bekannten Brennerei der Familie Reisetbauer aus Oberösterreich. Und die zur Zeit drei Whiskeys von Kurt Lagler, die nicht einmal Whiskey heißen, obwohl sie es zu 100% sind. Und was für!

„Eigentlich wollte ich heißes Wasser machen, keinen Whiskey“, bekennt Lagler nicht ohne Schmäh aber durchaus ernst gemeint. Denn eigentlich mochte er früher Whiskey überhaupt nicht. Er suchte nur nach einem Produkt, um die Destillerie auch nach der Obstsaison in Gang zu halten. Denn die Abwärme der Brennerei beheizt die Swimmingpools des angeschlossenen Wellness-Hotels. Was eher nach Sparmeisterei mit einem Hauch Schildbürgerstreich klingt, wird zum Gesamtkunstwerk, wenn jemand wie Kurt Lagler dahinter steht. Denn halbe Sachen sind die seinen nicht. Kompromisslosigkeit und unbedingtes Qualitätsbewussten gepaart mit Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind die Triebfedern seines Handelns. Ein Beispiel: die letzten auch im Burgenland massiven Unwetter haben so manchem Nachbarn die Hänge samt Bepflanzung weggeschwemmt. Nicht aber die Obstbäume der Familie Lagler auf genau so steilen, durchaus dem Wetter zugewandten Hängen. Denn die stehen auf „gesunder, lebender Erde“, die Lagler schon seit Jahren nicht mehr düngt. Nur die Maische der Brennerei kommt wieder auf den Boden. Ein nachhaltiger und wie sich zeigt ökologisch wie ökonomisch sinnvoller Kreislauf. „Und die Insekten freuen sich über den Restalkohol“, schmunzelt Lagler.

(Fotos: courtesy of Lagler)

(Fotos: courtesy of Lagler)

Was an Obst nicht selbst produziert wird, kauft Lagler in der Region, sorgsam und sorgfältig und frisch. Was auf Umwegen zu der Sache mit dem Whiskey führte. Denn wenn spätestens im Dezember das Obst nicht mehr den Kriterien Laglers für die Qualität seiner Brände entsprechen kann (tiefgekühlte Ware kommt nicht in Frage), wäre in der Brennerei der Ofen aus. Um diesen aber, auch eben für das Hotel, am Laufen zu halten, machte sich Lagler auf die Suche nach einer Alternative. Und fand den Whiskey. Obwohl ursprünglich nicht sein Geschmack, vor allem in den herberen Ausprägungen, arbeitete er sich intensiv in die Materie ein, forschte, experimentierte und kam schließlich auf Produktionsmethoden und Produkte, die ihm gut genug für den Verkauf erschienen. Zu diesen Vorarbeiten gehörten und gehören die sorgfältige Auswahl des Getreides, ausgesuchte Weinfässer (Rot, Weiß, Trockenbeerenauslese) für die Lagerung , also für das „Toasting“ des Whiskeys, sowie eigene Ideen wie das Darren über Schilf und Stroh statt über Torf.

Das verwendete Schilf verweist auf eine andere Besonderheit der Lagler’schen Whiskeys: sie sind 100% burgenländisch. Vom Getreide über die Weinfässer bis zum Schilf. „Ich wollte einen genuin und eindeutig burgenländischen Whiskey herstellen“ betont der Tüftler und nennt seine Produkte daher auch nicht „Old MacLagler“ oder ähnliches sondern „Pannonia Blend“, „Best Korn Burgenland“ und „Pannonia Korn Malt“. Letzerer ein Single Malt Whiskey.

Selbstredend, dass bei der Produktion auch nur bestes heimisches Wasser verwendet wird. Besonders wichtig, wie jeder Whiskey-Produzent wie -Kenner stets betont. In Laglers Fall wird das Wasser über Vulkangestein geleitet, das Anwesen steht auf einem solchen, nimmt dabei eine leichten Farbton an und wird besonders weich. Und bereit für die „Vermählung“, wie das Herunterstufen der hochprozentigen Brände auf trinkbare Volumina um die 40% genannt wird.

Seit 2000 gibt es Whiskey von Lagler. Der erste „Pannonia Blend“ ist ein leichterer und mild schmeckender „Einsteigerwhiskey, für Menschen, die Whiskey nicht mögen“, erzählt der Hausherr und meint dabei durchaus auch sich selbst. Der Blend wird mit seinen 38,5 vol%alc. als „mit feiner milden Würze in der Nase, leicht toastig mit dezentem Korngeschmack am Gaumen, angenehme Milde, fein rauchig unkompliziert harmonisch“ beschrieben. Und hält was er verspricht, wie der Autor dieser Zeilen im Mikrozensus zu Hause beweisen konnte: ein Schluck machte aus einer weiblichen Whiskey-Agnostikerin instantmäßig einen (Lagler-)Whiskey-Fan.

Dass es auch etwas typischer geht beweist vor allem auch der 40%-ige Single Malt, immer noch eher mild, aber mit intensiveren Whiskey-Aroma. Das Ergebnis: internationale Anerkennung und Preise für den Outsider aus Kukmirn bei einschlägigen Wettbewerben und Messen. Aber es wird weitergeforscht: an die 30 neue Sorten stehen den Gastronomie- und Hotellerie-Gästen direkt aus den Lagerfässern zur Verkostung zur Verfügung. Die danach ausgefüllten Bewertungsbögen werden gesammelt und führen bei einer anhaltenden Zustimmung von über 90% zu einer neuen Produktion.

Eine neue Sorte steht aber schon fest: nächstes Jahr wird es den ersten 10-jährigen Whiskey von Lagler geben, der als erster auch so heißen wird, obwohl der genaue Name noch nicht feststeht. Doch nicht nur der lässt die Konkurrenz jetzt schon zittern. Das von Lagler bereits bei anderen Bränden angewandte Vakuum-Brennverfahren, das er sich von der Parfüm-Herstellung abgeschaut hat, ermöglicht einen Destilliervorgang bei wesentlich geringerer Temperatur. Was dem Ausgangsmaterial viel mehr an Geschmack, und zumindest im Fall der Obstbrände sogar noch „das eine oder andere Vitamin“ erhält. Die ersten Versuche, so Lagler, sollen schon umwerfende Geschmackserlebnisse hervorgebracht haben. Damit nicht genug, steht er kurz davor reinen Bio-Whiskey anbieten zu können. Zwar ist seine Brennerei jetzt schon Bio-zertifiziert, und fast alle Rohstoffe und Verfahren sind bereist „bio“, aber eben noch nicht alle in allen Details, weswegen Lagler seinen Produkten konsequenterweise selbst das Öko-Label noch verweigert.

Natürlich entstehen keine rauen Mengen der goldgelben Genüsse in Kukmirn. Die Konkurrenz am Massenmarkt braucht den Innovator nicht zu fürchten. Vertrieben wird die eher kleine Auflage ab Hof, über Versand, und durch Spezialgeschäfte wie Vinotheken. Außerdem beliefert Lagler einige Hotellerie- und Gastronomie-Betriebe, die den pannonischen Brand gerne und erfolgreich ausschenken. Ab er all das europaweit. – Das allerdings eher in kleinen Mengen. Wie auch die Whiskeys von Hans Reisetbauer, die mit ähnlichem Qualitätsanspruch und geradezu limitiert in  Axberg in Oberösterreich neben ebenso exklusiven Bränden hergestellt werden. Darunter Österreichs einziger 12-jähriger Whiskey. Auch Reisetbauer verwendet heimische Fässer, Barriquefässer von Chardonnay und Trockenbeerenauslesen um genau zu sein. Drei Sorten hat die Familie derzeit im Angebot, die je nach Jahrgang und Stärke benannt werden: der 12-jährige mit 56%, der 7-jährige mit 43% Trinkstärke und der mit der Fassstärke von 56%.

Dagegen setzten Johann und Monika Haider die Inhaber der ersten Whiskey-Brennerei Österreichs im Waldviertel auf eine vergleichsweise größere Produktion. Obwohl natürlich auch hier die Qualität betont wird. Sechs Sorten sind hier im Angebot, darunter auch ein Single Malt und originellere Geschmacksrichtungen wie die sogenannten „Nougat“- oder „Karamell“-Whiskeys. Die Betriebsgröße, groß für heimische Verhältnisse, lässt sich dabei etwa mit einer kleineren schottischen Brennerei vergleichen, so Frau Haider. Auch der Haider-Whiskey haben wie der von Reisetbauer bereits international Anerkennung in Kenner- und Bewerter-Kreisen erfahren. Damit ist Österreich fast schon dabei seinen internationalen Ruf als Weinnation um den der Whiskey-Nation zu erweitern. Kein schlechtes Backup – falls wieder einmal die Reblaus kommt.


Sorten und Richtpreise:

Whiskeys von Reisetbauer (je 0,7l):

  • 1998er Fasstärke (56%) – um die 60 Euro
  • Der 12-jährige – um die 90 Euro
  • Der 7-jähriger Trinkstärke (43%) – um die 46 Euro
  • www.reisetbauer.at

Whiskeys von Lagler (je 0,5l):

  • Best Korn Burgenland (43%) – 29,50 Euro
  • Pannonia Blend (38,5%) – 29,50 Euro
  • Pannonia Korn Malt (40%) – 32,50 Euro
  • www.lagler.cc

Whiskeys von Haider (je 0,7l)

  • Roggenwhisky J.H. (Rye Whisky) (41%) – 34 Euro
  • Roggen-Malzwhisky J.H. (Pure Rye Malt) (41%) – 38 Euro
  • Special – Roggen-Malzwhisky J.H. “Nougat” (Special Pure Rye Malt “Nougat”) (41%) – 42 Euro
  • Gersten-Malzwhisky J.H. (Single Malt) (41%) – 38 Euro
  • Special-Gersten-Malzwhisky J.H. “Karamell” (Special Single Malt “Karamell”) (41%) – 42 Euro
  • Single Malt “Selection” (46%) – 49 Euro
  • www.roggenhof.at

Erschienen im WIENER Nr.338 / September 2009


Ein Nachtrag, der uns sehr traurig macht: Ende November 2009 starb der begnadete Schnapsbrenner Kurt Lagler bei einem Arbeitsunfall. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau und seinen beiden Kindern.


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Harald Havas
(Buch-)Autor, (Comic-)Texter, Journalist, bilingualer Twitter-Romancier (siehe hier)

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