Explodierender Wahnsinn
Er war Popstar. Er war DJ im legendären U4. Und er gilt als lebendes Musik-Lexikon. Im WIENER erinnert sich Ö3-Moderator Eberhard Forcher an den Aufbruch in den frühen 1980ern. Und er sagt, warum er die Euphorie von damals jetzt wieder spürt.
Für mich war die österreichische Musikszene 1979 eine große Wüste. Es hat damals nichts gegeben, außer Metzlutzkas Erben, Drahdiwaberl, die Hallucination Company.
Und das war auch weit von dem entfernt, was mich wirklich interessiert hat. Ich hab‘ mir gedacht, überall auf der Welt gibt‘s so geile Musik! Es bewegt sich viel, alles ist im Umbruch, das hier kann‘s einfach nicht sein! Minisex und Chuzpe haben gerade angefangen – die waren zwar unerträglich schlecht, aber da hast du gespürt, die haben einen anderen Zugang, die können zwar keine Instrumente spielen, aber die haben eine Vision.
Dann hab‘ ich – am Tag meiner Pragmatisierung – meinen Job als Sonderschullehrer hingeschmissen und bin nach Amerika gegangen. Um mir relevante Inputs zu holen und zu versuchen ein Jahr ohne Geld zu überleben. Mein Ziel war, mich in Clubs zu bewegen, Musik aufzusaugen. Es war hart, ich hab‘ ja keine Kohle gehabt. Zehn Tage im Monat hab‘ ich mich bei Suppenküchen angestellt, zwischen Junkies und Street People – und war selber einer. Ich hab‘ teilweise gewohnt, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Wenn ich Geld g’habt hab‘, durch irgendeinen Job, hab‘ ich mir ein ganz billiges Zimmer in einem Hotel im Nuttenviertel g’nommen, wo die Ratten durchs Zimmer gelaufen sind. Am Anfang hab‘ ich mich natürlich ang’schissen. Aber ich hab‘ g’wusst, ich muss das machen.
Es hat sich schnell gezeigt, dass ich, wenn ich diesen Virus umarme, der mich an jeder Ecke angefallen ist, dass ich mir das Rüstzeug aneignen kann, mit dem ich nach meiner Rückkehr nach Wien die Szene aufmischen wollte. Ich hab‘ mir eine Gitarre gekauft, mit dem Gitarristen der Jim Caroll Band geübt und mit drei oder vier Griffen ungefähr zehn Songs geschrieben. Die haben alle nur Titel gehabt, keinen Text. Dazwischen hab‘ ich einfach was gebrabbelt. Damit bin ich zurückgekommen und hab‘ innerhalb einer Woche „Tom Pettings Hertzattacken“ zusammengestellt. Das waren erst nur zwei Freunde von mir, einer hat gerade angefangen Schlagzeug zu spielen, der andere hat schon ein bisschen spielen können – den ersten Auftritt hatten wir dann innerhalb einer Woche,
zu dritt. Und dann haben wir über eine Falter-Kleinanzeige einen Bassisten und einen Keyboarder gesucht. In der Formation haben wir dann drei, vier Jahre gespielt.
Das erste Konzert im Amerlinghaus hat recht große Wellen geschlagen, und dann waren wir auch schon mitten drin… In dem Jahr, in dem ich weg war, ist hier auch einiges passiert, und auf einmal waren da auch Mitstreiter, mit denen ist man dann aufgetreten, eben Chuzpe, Minisex, in Linz Willi Warma… Das war die U4-Zeit, so 1980, 1981, und plötzlich waren wir heißes Thema in der Stadt!
Wir haben Power-Pop-Appeal gehabt – und Punk-Appeal, weil wir die Instrumente nicht beherrscht haben, aber gute Melodien g‘habt haben! Wir waren drei Tage hintereinander im U4 ausverkauft. Wir haben uns gefühlt als Teil eines explodierenden Wahnsinns, als Mitgestalter von etwas, das es vorher nicht gegeben hat.
Austropop haben wir von ganzem Herzen abgelehnt. Das war die Antithese von dem, was wir machen wollten. Der war uns zu bieder, zu konservativ, zu getragen. Nicht meine heutige Meinung! Ich liebe große Teile des Austropop, weil ich erkannt habe, dass das ganz großartige Songs waren, da hat‘s großartige Künstler gegeben. Aber wir waren damals jung, frech, deppert, und du musst dich auch irgendwie abgrenzen. Dadurch war‘s für uns unmöglich am Anfang. Aber dann hast g‘merkt, in Deutschland läuft DAF… Aha, man kann mit der Sprache auch so umgehen, na ja, dann probiert ma’s halt. Ein Beispiel: Hansi Lang, U4 Kultfigur mit „Dreamboat“, hat erst Englisch gesungen. Es gab da eine Nummer, die war immer seine beste im Konzert, Rudi Nemeczek und ich haben auf ihn eingeredet, geh, Alter, probier‘s auf Deitsch, das ist so gut, was du machst! Und das hat er dann gemacht, und das war dann „Ich spiele Leben“.
Ich war total davon besessen, professioneller zu werden, alles besser zu machen, täglich stundenlang proben, am Sound arbeiten, am Arrangement… meine Burschen waren aber eher faule Säcke, das war aber o.k. in der Zeit. Aber ich wollte eben den nächsten Schritt machen. Meine Vorbilder haben sich auch geändert, in Richtung Funk und Soul. Ich wollte auch weg davon, dass wir mit dem Hit „Bis zum Himalaya“ eine Art Teenie-Band waren. Da hab ich mir dann halt eine neue Band zusammengestellt, mit Musikern vom Mokesch. Das war dann aber auch nicht das Richtige, meine Ambitionen waren viel zu hoch gegriffen. Und den Spagat bekommst nicht mehr hin, zuerst Teenie-Band, dann auf erwachsen stylen. Die Texte konnte keiner nachvollziehen, die Musik war zu konstruiert – obwohl gute Nummern dabei waren. Damit war für mich dann das Ende besiegelt, weil ich gesehen hab‘, das macht nicht viel Sinn. Der Spaß war weg, es war alles nur mehr Krampf.
Damals hab‘ ich schon angefangen im U4 aufzulegen und hab‘ gemerkt, das macht mir total Spaß, am Anfang haben s‘mich ja fast gelyncht, weil ich so 1980er-Soul gespielt hab‘, damals ein absolutes Tabu für jeden DJ, aber mich haben damals schon Sounds zu interessieren angefangen. Ich hab‘ dann noch Nummern geschrieben auch für andere Bands, wie „Miss you“ für‘n Wolf. Das war dann im Endeffekt meine erfolgreichste Nummer. Die meistgespielte Nummer auf Ö3, Nummer 9 der Jahrescharts, keine anderen Österreicher vor uns…
Daraus hat sich dann mein heutiger Beruf ergeben, Medienmusik. In erster Linie für den ORF. Da bin ich gerade in einer wichtigen Neuausschreibung für den Sport, den wir ja vor sechs Jahren gegen 70 Studios – im Finale immerhin gegen Peter Wolf – gewonnen haben. Sechs Jahre war die ganze Sportmusik von uns. Aber auch „Club 2“, „Menschen und Mächte“. Wir haben öfter gewonnen, weil wir die Briefings freier interpretiert haben und damit dann hervorgestochen sind. Aber das bröckelt langsam weg, es gibt immer weniger Aufträge, weniger Budgets, immer mehr Anbieter… ich bin schon wieder auf der Suche nach einem neuen Standbein.
Auf Ö3 moderier‘ ich seit Jahrzehnten. Da hab‘ ich mich auch immer sehr weit aus dem Fenster gelehnt, zum Beispiel beim Österreicher-Anteil. In der „Radiothek“ hab ich den immer hoch gehabt und einmal hochgepuscht auf 70 Prozent, nur um auszuprobieren, ob das geht. Musik ist kein Thema mehr auf Ö3, es ist das Gefährt, mit dem wir zum Hörer hinkommen. Aber Musik wird nicht didaktisch vermittelt. Bei „Solid Gold“ probier‘ ich das ein wenig.Bei der Ö1-Geschichte war mehr Platz für Reflexion. Ich hör selber gern Ö1, die Wortsendungen sind eine Labsal. Ich hatte auch gute Rückläufe, manche vermissen so was auf Ö3… Aber die Entscheidung damals fürs Formatradio war schon richtig, und der Erfolg europaweit ist einzigartig! Es hat sich eben einfach alles geändert, Medien, Gesellschaft, Musik, der Wert der Musik… Ich hab eine 17-jährige Tochter, der brauchst mit einer CD gar nicht mehr kommen! Musik kaufen? Die wissen heut‘ gar nicht mehr, dass man Musik ursprünglich gekauft hat!
In meiner Freitag-Radiosendung, „Forcher‘s Friday Music Club“ spiel‘ ich jede Woche viele Österreicher, aber die müssen gegen die internationale Konkurrenz Stand halten können! Und mittlerweile spielen s‘ viele, die ich zuerst gefeatured habe, ob das jetzt Clara Luzia oder Herbstrock waren, auch untertags auf Ö3. So gute Leut‘, der Martin Klein, The Base… da ist so viel Großes unterwegs. Ich bin da total zuversichtlich! In Österreich gibt es wieder so viele geniale Bands. Herbstrock, zum Beispiel, das ist für mich die Zukunft! So authentisch, so jung, so frisch, so enthusiastisch – ihre Nummer „Auf ab und dann“ rührt mich fast zu Tränen. Der Text ist irre schön, die Musik leiwand, das ist so jetzt, so ungekünstelt und trotzdem wahnsinnig clever gemacht! Da kommen jetzt die Jungen, die wollen nicht Underground sein, die wollen Pop sein. Und die spielen wir auch auf Ö3. Das macht mir auch Freude, da ist wieder so viel Energie da. So wie damals in den 1980ern.
DIE FAKTEN
Eberhard Forcher, 54Der Musik-Fanatiker Eberhard Forcher, geboren in Lienz, war beinahe professioneller Mittelstürmer, beinahe Profi-Schifahrer, und dann jahrelang Sonderschullehrer. Zu „Tom Petting“ mutiert, war er Punker, New Waver und Neue Deutsche Weller. Größter Hit „Bis zum Himalaya“. Er schrieb über Musik für den Falter, den RennbahnExpress und, ja, den WIENER.
Produzierte Musik. Schrieb Songs für andere und moderierte für Ö3 (wo er u.a. die erste Ö3-Comedy „Radio Gaga“ hostete), was er noch immer tut. Daneben Parallel-Existenzen als DJ seit den seligen U4-Zeiten und Jingle-Macher (Medienmusik).Er ist hyperaktiver Facebooker und plant aktuell mit zwei anderen daraus eine Show fürs Wiener Rabenhoftheater zu machen.










[...] – ein epischer “facepalm moment” – vereinzelte Highlights ausgenommen: Forcher etwa. Der ist ja immer eines. Und seine Filmeinspielungen haben den Preis der Eintrittskarte [...]
[...] letzte Mal vor der Sommerpause: Gröbchen & Forcher (ja, genau der!) legen auf. ADULT EDUCATION in der Bar am Spittelberg. 22.4.2010, 21h Eintritt kostenlos, aber [...]