Tortuga Digital
Es hat eine besondere Atmosphäre, wenn über Angeklagte zu Gericht gesessen wird, die den Mächtigen frech die Stirn bieten. Robin Hood, Michael Kolhaas, Rob Roy McGregor. Ja, wir mögen solche Mythen, und spätestens nach ein paar hundert Jahren mag Hollywood sie auch und strickt aus ihren Helden-Legenden monumentale Blockbuster.
Die schwedischen Web-Anarchos der Filesharing Suchmaschine “The Pirate Bay ” (TPB), die eben in einem spektakulären Urheberrechtsprozess zu drakonischen Strafen verknackt wurden, sind noch nicht reif für Hollywood. Sie sind noch zu lebendig und die US-Unterhaltungsindustrie wünscht nichts weniger, als vorzeitig an ihrer Verklärung mitzuwirken. Schließlich geht es hier ums eigene Tafelsilber – um Filme, Musik und Videospiele, die man in der Bucht der Piraten als Diebesgut ausgemacht haben will.
Also haben Sony, Warner, Dreamworks und Co. die Rolle der unbarmherzigen Ankläger übernommen, die das Blut der renitenten Gesetzlosen saufen wollen. Im Jahr 2009 schmeckt das nach einer Schadenersatzforderung von knapp 2,8 Millionen Euro und einem Jahr Kerker. Unbedingt. So lautete am 17. April der (nicht rechtskräftige) Urteilsspruch gegen die „Pirate Bay“-Administratoren Hans Fredrik Neij (30, Pseudonym: „anakata“), Gottfrid Svartholm Warg (24, „riamo“) und Peter Sunde (30, „brokep“) sowie den als Geldgeber mitangeklagten Medienunternehmer Carl Lundström (48). Seither beten weite teile der Web-Welt täglich dafür, dass Kläger und Richter vom Teufel geholt werden mögen.
Aber was, zum Teufel, ist hier eigentlich wirklich los? „The Pirate Bay“, gegründet 2004 von der schwedischen Anti-Copyright-Organisation Piratbyrån (schwedisch: Piratenbüro), mauserte sich in den vergangenen fünf Jahren zur weltweiten Nummer 1 unter den sogenannten BitTorrent-Suchmaschinen, mit denen sich ziemlich alles finden lässt, was das Online-Leben lustig, aufregend und lebenswert macht: Filme, Songs, Software und mehr. Dass damit großteils urheberrechtswidrig online gestelltes Material gefunden werden konnte, nahmen die Gründer bewusst in Kauf. Und jeder über „Pirate Bay“ ermöglichte Download knabbert an den Umsätzen der Unterhaltungsindustrie – behauptet diese wenigstens.
So richtig beweisen ließ sich das auch im TPB-Prozess nicht, und die Höhe der vom Gericht schlussendlich als erwiesen angenommenen Schadenssumme scheint jedenfalls in keinem existenzgefährdenden Verhältnis zu den Erlösen der Branche zu stehen. Wenn man TPB denn schon als schlimmsten aller Raubkopierer-Gehilfen aller Zeiten einstufen möchte und bedenkt, dass sich die Jahresumsätze der Majors immer noch auf einem zweistelligen Milliardenbetrag summieren. Aber es geht um mehr.
Das Trickreiche und für die großen Player wohl Beängstigende an TPB liegt in der eingesetzten BitTorrent-Technologie, die allerhand juristischen Interpretationsspielraum eröffnet, wer zum privaten Filesharing wann was beisteuert und wofür genau er zur Verantwortung gezogen werden kann. Die „Pirate Bay“ fungiert dabei als Suchmaschine, die Usern dabei hilft, auf den Millionen von Clientrechnern das gesuchte Material zu finden. Kein einziges schmutziges Raubkopier-Bit (und auch keines der Milliarden ebenfalls verteilten „sauberen“) läuft dabei über die Pirate-Bay-Server.
Man könnte auch sagen: Sie halten die Community zusammen, an guten Tagen 25 Millionen Rechner gleichzeitig, jeder gibt jedem, alle teilen alles – klingt doch fast, als wäre endlich der Globalisierungs-Messias zu uns herabgestiegen, um das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Und das soll verboten sein? Und warum?
Natürlich wird mit Hilfe von TPB nicht nur Musik an ungezogene Teenager verteilt, die lernen sollten, sich ihr Taschengeld besser einzuteilen, um es dann bei Apples iTunes für ordentlich lizenzierte Songs auf den Kopf zu hauen. Ganze, für die weniger gut betuchten Bewohner des Global Village unerschwingliche Programmpakete, auch Lehrbücher und wissenschaftliche Arbeiten zerstäuben dank BitTorrents zu Bits und landen dank TPB als warmer Datenregen auf den Computern der Armen und Vergessenen – und Sparsamen. Natürlich wird dabei auf jedes Urheberrecht gepfiffen, um eine noch vornehmere Formulierung zu gebrauchen. Und natürlich bringt das bei denen, die mit Rechtehandel und Kulturgütern im weitesten Sinne Geschäfte machen wollen, keine Sympathiepunkte. Ob, wann und in welchem umfang dabei deren tatsächliche Rechte und wirtschaftliches Fortkommen verletzt werden, ist schon eine viel kompliziertere Geschichte. Aber behaupten kann man das natürlich mal, erst recht mit Lobby, Medienmacht und politischem Rückhalt.
Dafür haben die Piraten viele Millionen Sympathisanten, und das ist keine Übertreibung. Man könnte sagen, Urheberrechtsverletzung ist dabei, zur ersten globalen Variante von zivilem Ungehorsam zu werden. Und man darf vermuten, dass die dahinter liegende Sehnsucht nicht hinreichend beschrieben ist durch den Vorwurf, alle wollen Britney Spears hören, ohne dafür zu bezahlen.
Es ist ein Krieg ums Web; um so etwas wie Grundrechte in der digitalisierten Welt. Wann überwiegt das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und kulturellen Austausch gegenüber dem Urheberrecht? Wo endet das Recht auf Reglementierung und Überwachung der weltweiten Datenströme? Dass es dafür derzeit schlicht noch keinen wirklich brauchbaren, erst recht keinen allgemein akzeptierten Rechtsrahmen gibt, zeigte u.a. der TPB-Prozess.
Der Vorwurf der Urheberrechtsverletzung ließ sich dort jedenfalls nicht aufrecht erhalten. Übrig geblieben ist so etwas wie „Begünstigung“ derselben, das Wort „schwer“ findet sich auch irgendwo in der Deliktbeschreibung. Dafür gibt’s also heute auf Betreiben der Industrie ein Jahr Häf’n und siebzig ordentliche Jahresgehälter Bußgeld, pardon: Entschädigung. Mann, oh Mann, kann man da nur sagen…
Dass die Rute des Rechts derart unbarmherzig niedersauste auf die geraden Rücken der Piraten wird seinen Grund auch darin haben, dass diese für ihre Verfolger seit Jahren nur Spott und Hohn übrig haben und provozieren, dass die Schwarte kracht. Die Anwaltskanzlei Willoughby & Partners etwa, die den Videospielhersteller Sega vertrat, wurde nach ihrer Klagsdrohung von „anakata“ via Mail um Zusendung von noch mehr juristischen Dokumenten gebeten – „am besten gedruckt auf weichem Papier“, ihm ginge gerade das Toilettenpapier aus. Weiter Leckerbissen der rotzigen Korrespondenzen finden sich hier.
Auch nach dem Prozess waren die Reaktionen der Delinquenten alles andere als zerknirscht und demütig (siehe Peter Sunde im Video): bloß keine Spenden schicken, posteten sie am Tag nach der Urteilsverkündung in der „Pirate Bay“ als Message an ihre Gemeinde; sie würden lieber ihre gesamte Habe verbrennen, als Schadenersatz zu blechen: außerdem würde das Urteil nie und nimmer die nächsten Instanzen überstehen. Und überhaupt: Say it loud say it proud! We are all The Pirate Bay! Rockt irgendwie – das kann man nicht leugnen.
Es gäbe noch viel zu schreiben über diesen Prozess; über den Richter und dessen Mitgliedschaft in einer Lobby-Organisation zum „Schutz des Urheberrechts“; über die bis heute nicht wirklich geklärte Frage, ob TPB aus ihrem Betrieb kommerziellen Nutzen gezogen hat: oder darüber, dass der angebliche Förderer Lundström, ein wahrhaft nicht auf illegale Geldflüsse angewiesener Erbe der Wasa-Dynastie, ebenso angeblich mit dem rechten Rand Schwedens sympathisiert.
Aber letztlich sind das Nebenscharmützel. Die entscheidende Schlacht in diesem Krieg dreht sich um das Urheberrecht und die Tatsache, dass es schleunigst einer sich immer rasanter verändernden digitalen Umwelt angepasst werden muss. Dass es nicht in Stein gemeißelt ist, weiß man bereits seit seiner Erfindung.
Die Piraten vertreten mit der völligen Negierung aller urheberrechtlichen Ansprüche eine irritierende Extremposition, die man nicht mögen und schon gar nicht teilen muss.
Frankreich unter Sarkozy vertritt eine nicht weniger extreme Position, wenn es privates Filesharing nach zweimaliger Abmahnung allen Ernstes mit „Internet-Ausschluss“ von bis zu fünf Jahren bedroht.
Dass es auch anders geht und nach anderem gesucht werden sollte, erklärt Medienwissenschaftler Volker Grassmuck hier.









[...] Schweden wurden vier junge Männer zu drakonischen Strafen verurteilt (siehe hier), weil sie über die Website “The Pirate Bay” (TPB) Raubkopien von so ziemlich allem [...]
[...] vor Musikklau, Urheberrechtsverletzungen und den bösen, bösen Piraten kennt Miss Palmer nicht. Sie ruft ihre Fans zum CD-Brennen auf und glaubt an die Chancen, die das [...]
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[...] Möglichkeit gibt Ihnen flattr (siehe auch WIENER Ausgabe 345 / S.69). Flattr wurde von Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde erfunden und ist ein Micropayment Dienst für Online-Kreativität. Wenn man so [...]